100 Jahre Eingemeindung – Ginnheimer Leben um 1910

von Jürgen W. Fritz (†)

Anfang Juli 2004 wurde der Alte Ginnheimer Friedhof bei Nacht geschändet, alle Kreuze abgeschlagen und viele der Grabsteine umgestoßen. Mir fiel auf, dass es keine öffentliche Reaktion auf dieses schreckliche Ereignis gab, zunächst nicht einmal Zeitungsmeldungen. Nach meiner Intervention beim Ortsbeirat wurde dort der Beschluss gefasst, die Grabsteine soweit möglich wieder herzurichten. Nach einiger Zeit übernahm eine private Initiative diese Aufgabe.

Aufgrund des Eingemeindungsvertrages von 1910 war die Ginnheimer Begräbnisstätte in den darauf folgenden Jahren nach und nach geschlossen worden. Sie wurde zur Grünanlage umgestaltet, in der Denkmaltopographie der Stadt Frankfurt jedoch nicht mehr erfasst – im Unterschied zu anderen alten Vorortfriedhöfen, wie in Oberrad und Schwanheim.

Das Gräberfeld bot sich bereits vor der Schändung den seltenen Besuchern recht verwahrlost dar. Obzwar mitten in Alt-Ginnheim gelegen, wurde der Alte Friedhof durch seine abseitig-erhöhte Lage an der Ginnheimer Hohl nur noch selten wahrgenommen.

Als das Jubiläum der Eingemeindung der elf Frankfurter Vororte dann näher heranrückte, kam die Idee auf, im Nachbarschaftszentrum, das gegenüber dem Friedhof sein Domizil hat, das Ginnheimer Leben zur Zeit der Eingemeindung um 1910 in einer Ausstellung – in Zusammenarbeit mit dem Geschichtskreis – lebendig werden zu lassen. Dabei sollten die ehemals öffentlichen Gebäude, die heute anderweitig genutzt werden, und auch die „vergessenen“ Plätze, wie eben der Alte Friedhof, besonders berücksichtigt werden.

Zuvor war mir bei diversen Vorträgen zwar ein breites Interesse an der Vergangenheit, aber doch recht wenige Kenntnisse über die Geschichte unserer unmittelbaren Umgebung aufgefallen – was angesichts der herrschenden Bevölkerungsfluktuation aber nicht weiter verwunderlich erscheint.

Mit der Ausstellung sollte ein breites und lebendiges Bild des alten Dorfes im Frankfurter Landkreis vorgestellt werden. Nach meiner Einschätzung ist dies mit den zwölf thematisch gegliederten Tafeln auch gut gelungen.

Das Projekt stieß bei „alten“ Ginnheimern von Anfang an auf großes Interesse. Von allen Seiten erhielt ich Hinweise, Fotos und Informationen, die es allerdings zu strukturieren galt. Mitunter waren die Informationen auch widersprüchlich.

Am Ende der Materialsammlung war der Fundus erfreulicherweise sogar größer als benötigt. Da gab es hin und wieder Enttäuschungen bei den Gebern, die „ihr“ Bild in der Ausstellung nicht berücksichtigt fanden. Es geht aber nichts verloren: In Zukunft gibt es sicherlich eine andere Möglichkeit zur Präsentation.

»Die vergessenen Plätze Ginnheims sollten wieder lebendig und sichtbar werden.«

Aufgefallen ist mir bei der Arbeit auch, dass man als Stadtteil-Historiker in den Institutionen teilweise etwas freundlicher und hilfsbereiter empfangen wurde, als dies früher, sozusagen als einfacher Bürger und Forscher, der Fall war. Ein spannendes und unerwartetes Ergebnis war, dass Ginnheim entgegen der verbreiteten Meinung nicht von Frankfurt „geschluckt“ wurde, sondern sich bereits zehn Jahre zuvor selber um die Eingemeindung bemüht hatte.

Die Ausstellung wurde von allen Seiten gelobt. Dieser große Erfolg kam für mich überraschend. Allein zum Eröffnungsvortrag kamen weit über 100 Besucher, die der große Saal nicht alle fassen konnte. Einige Besucher mussten betrübt nach Hause gehen, da auch die Stehplätze kurz nach Beginn erschöpft waren.

Neben den Presseinformationen wurde im Vorfeld offensichtlich durch mündliche Weitergabe das Interesse an der Ausstellung geweckt. Die Besucher kamen aus allen Frankfurter Stadtteilen und – besonders bemerkenswert – sogar von jenseits der Stadtgrenzen. Als die Ausstellung abgebaut wurde, kamen noch zwei junge Interessenten und schauten sich die bereits abgehängten Tafeln an: Sie wollten damit eine Rallye für Jugendliche des Stadtteils vorbereiten.

Der erfreuliche Erfolg der Ausstellung ist auch daran zu erkennen, dass die erarbeiteten Informationen den Ginnheimer Gewerbering anregten, aus unseren Unterlagen neue Tafeln zusammenzustellen und diese vor den betreffenden Gebäuden eine Zeitlang (solange dies ohne Schäden durch Vandalismus möglich war) aufzuhängen. Die Ginnheimer Geschichte lässt mich so schnell nicht los: gegenwärtig bereite ich eine neue „Straßenausstellung“ vor.

Jürgen W. Fritz

Sein Großvater ging von Bornheim nach Offenbach, um einen Handwerksbetrieb zu eröffnen. Später zog der Enkel Jürgen W. Fritz nach Frankfurt und befasste sich mit der Vergangenheit seines Stadtteils.

1937 wurde Fritz in Offenbach geboren; durch Verwandte und Bekannte war seine Familie stets mit Frankfurt verbunden. Schon als Kind nahm er daher die beiden Städte bereits als ein großes Ganzes wahr.

Schon als junger Erwachsener interessierte er sich für Geschichte. Vielleicht, weil in den Nachkriegsjahren bei der schulischen Vermittlung eine verständlicherweise große Unsicherheit bestand. Er wurde Mitglied beim Offenbacher Geschichtsverein und veröffentlichte dort seine Ergebnisse zu Carl Preller, dem verfolgten Offenbacher Drucker von Büchners „Hessischem Landboten“. Auch sein Aufsatz über den Mord an Christian Pless, einem Mitglied des „Reichsbanners“, am Wahlsonntag im März 1933 wurde gedruckt. Dazu kamen zahlreiche Aufsätze zu geschichtlichen Themen.

Von der Offenbacher Sparkasse wechselte er 1963 zur Deutschen Bundesbank in Frankfurt. In Alt-Ginnheim holt er sich heute – nahe der ehemaligen Römerstraße von NIDA zur Militärstation am Dom – vielfältige Anregungen von seinem geschichtsträchtigen Vorort.

 

Quelle: Bürger, die Geschichte schreiben (Band I - November 2010)