Das bauliche Erbe der Familie Rothschild in Frankfurt am Main

von Dr. Gerhard Cullmann (†)

Die fünf Söhne von Mayer Amschel Rothschild (1743-1812) sind immer Frankfurter Bürger geblieben; im Gedächtnis der Stadt sind sie aber kaum präsent. Die Ursprünge, das „Haus zum Grünen Schild“ und das um 1810 erbaute Bankhaus, Fahrgasse 146, sind verschwunden.

Die jüdischen Bürger der Freien Stadt Frankfurt unterlagen manchen Beschränkungen beim Immobilienerwerb. So durfte ein Verheirateter nur ein einziges Haus und einen Garten kaufen, über Landgüter wurde in der Gesetzgebenden Versammlung gestritten. Immobilien galten aber als Deckungskapital im Bankgeschäft, sodass die Brüder ab 1837 Güter erwarben, so zum Beispiel Kuhhornshof, Grüneburg und Günthersburg, später noch Neuhof und Stalburg und dazu Äcker und Wiesen. Alles nördlich des Mains gelegen; südlich kauften die Bethmanns. In der dritten Generation hatten sich die geschäftlichen Schwerpunkte wohl nach London und Paris verschoben – aber die in Frankfurt gehaltenen Anteile am Gesamtgeschäft erbrachten nach wie vor erhebliche Geldzuflüsse.

Zu Ende des 19. Jahrhunderts hatten zwei Familienzweige einen Gürtel von der Ginnheimer Landstraße bis nach Bornheim erworben. Gleichzeitig hatten sich die Brüder Mayer Carl (1820-1886) auf Günthersburg und Wilhelm Carl (1828-1901) auf der Grüneburg große herrschaftliche Anwesen geschaffen, dabei die alten ‚Ökonomien’ (Wirtschaftsbereiche) nach außen verlegt, so zum Louisenhof respektive Grünhof mit Vorwerk Eschenheimer Landstraße und teilweise in die hinzugekaufte Villa Leonhardsbrunn. Die Stadtwohnungen befanden sich auf der Zeil im ehemaligen Palais von Leonhardi mit dem großen Gartenhaus vor dem Bockenheimer Tor, in der Neuen Mainzer Straße – gleich deren zwei – und am Untermainquai. Nur dieses Palais mit seinen um 1850 eingerichteten Prunkräumen existiert noch und wird vom Jüdischen Museum genutzt.

Es waren auch große Kunstsammlungen entstanden; die von Mayer Carl gesammelten Gold- und Silberschmiedarbeiten gehörten zu den bedeutendsten in Europa. Nach Mayer Carls Tod wurden sie unter seine Töchter aufgeteilt. Sein großer Landbesitz und die Günthersburg und Louisenhof wurden rasch verkauft. Den an Hannah Louise (1850-1892) vererbten Bertramshof erwarb nach deren Tod ihr Onkel Wilhelm Carl. Dessen Besitz wiederum blieb auch nach dem Tod seiner Witwe Hannah Mathilde (1832- 1924) ungeteilt; Erbinnen waren die Töchter Adelheid (1853-1935) und Minna Caroline (1857-1903), verheiratet mit Benedikt Maximilian von Goldschmidt-Rothschild (1843-1940). Sie bewohnten das Palais an der Bockenheimer Landstraße, das 1938 unter Wert an die Stadt Frankfurt verkauft werden musste. Die große und höchst bedeutende Kunstsammlung des Barons wurde am 10. November 1938, am Tag des Pogroms, telefonisch abgepresst; eingefädelt und vollendet hatte dies sein Anwalt Dr. Berg. Von städtischer Seite war bei allen diesen Geschäften – dazu kamen auch die Grüneburg, das Zeil Palais, die Villen in der Taunusanlage 12 und Bockenheimer Landstraße 8 – der nach 1945 zum Stadtrat aufgestiegene Adolf Miersch tätig. Auch bei den 1949 bis 1960 laufenden Restitutionsverfahren war Miersch noch am Rande involviert.

»In meiner Arbeit untersuche ich das bauliche Erbe der Familie Rothschild in Frankfurt am Main. Es handelt sich um rund fünfzig Palais, Häuser, Gutshöfe, Ländereien und Stiftungen.«

Die Familie Rothschild war fortgesetzt als Stifter tätig. Schon 1826 wurde ein jüdisches Hospital am Rechneigraben finanziert. Auch die Synagoge und das Schulhaus der jüdischen Religionsgemeinschaft an der Schützenstraße waren ihre Stiftung. Das Vermächtnis von 1,2 Mill. Gulden und des Stammhauses durch Amschel Mayer (1773-1855) diente zur Einrichtung einer Stiftung für arme Juden. Das Bankhaus wurde der jüdischen Gemeinde überlassen. Präsent sind heute nur noch das Carolinum, die Freiherrlich Carl von Rothschild’sche Bibliothek und die Häuser an der Hügelstraße. Dazu gehört als prominentes Beispiel aber auch das im Städel befindliche Gemälde „Goethe in der Campagna“, das ehemals in der Günthersburg hing.

Gerhard Cullmann †, geboren 1943 im Hunsrück, lebt seit 1963 in Frankfurt am Main. Er war bis zum Renteneintritt tätig als Sachbearbeiter in verschiedenen Positionen bei einer Mineralöl-/Chemie-Gesellschaft. Neben der Arbeit hat er in Frankfurt Kunstgeschichte studiert und wurde auch in diesem Fach von der Johann Wolfgang Goethe-Universität promoviert.