Das große amerikanische Sperrgebiet in Frankfurt April 1945 bis Juni 1948

von Andrea Janssen

Frankfurt, Ende April 1945, der Krieg ist zu Ende, und Frankfurt wird zum europäischen Hauptquartier der amerikanischen Armee. Das Projekt beschäftigte sich mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Einzug der Amerikaner in die Stadt, der Errichtung von Sperrgebieten, insbesondere des großen Sperrgebietes, und den Folgen für die Bewohner. Im Fokus standen dabei insbesondere die Menschen, die ihre Wohnungen für amerikanische Militärangehörige räumen mussten.

Folgende Frage stand am Anfang meiner Nachforschungen: Wo genau war das „große Sperrgebiet“, wie groß war das Areal, und wie viele Menschen waren von den Räumungen betroffen?

Im Institut für Stadtgeschichte fanden sich Stadtpläne mit dem „großen Sperrgebiet“ sowie Unterlagen des Wohnungsamtes über die Zahl und Lage der geräumten Wohnungen. Ebenso fanden sich dort Briefe von betroffenen geräumten Bürgern an die Stadtverwaltung sowie der Schriftwechsel zwischen den amerikanischen Besatzungsbehörden und der Stadt. Anhand der vorhandenen Stadtpläne konnte ich die Ausdehnung des „großen Sperrgebietes“ erkennen. Mit einem Stacheldrahtzaun eingezäunt war das Gebiet von der Straße Am Dornbusch im Norden bis zur Feldberg- und Wolfsgangstraße im Süden. Die östliche Begrenzung war der Oeder Weg, die westliche Zaungrenze verlief über die Bockenheimer Landstraße und umfasste Teile des Diplomatenviertels. Über die Miquelallee verlief der Zaun weiter zur Straße Am Dornbusch. Insgesamt konnte ich mit Hilfe des Stadtvermessungsamtes eine Größe von 2,4 Quadratkilometern ermitteln.

Zahlen und Fakten zum Sperrgebiet konnte ich im Institut für Stadtgeschichte sammeln; was aber fehlte, waren die Geschichten und Erfahrungen von Betroffenen. So habe ich begonnen, nach Zeitzeugen zu suchen. Insgesamt habe ich 20 Personen befragt, darunter einen Amerikaner, der als kleiner Junge mit seinen Eltern in einem beschlagnahmten Haus wohnte. Mit allen Zeitzeugen sprach ich über ihre persönlichen Erlebnisse in den ersten Tagen nach Kriegsende und den Tagen der Räumung, viele Gesprächspartner konnten sich, obwohl sie damals noch Kinder oder Jugendliche waren, sehr gut an ihre Erlebnisse erinnern.

Es ließen sich folgende Fakten ermitteln: Das sogenannte „große Sperrgebiet“ wurde zum größten Teil am 26. April 1945, einen Monat nach Einmarsch der Amerikaner in Frankfurt, errichtet.

»Und plötzlich mussten wir ganz schnell raus.«

Die Räumung folgte immer dem gleichen Muster: Die Bewohner wurden mit einem Anschlag an der Haustür über die kurzfristige Räumung, binnen zwei Stunden, informiert: „Und dann mussten wir ganz schnell raus.“ Mitnehmen durften sie nur Kleidung, Bettwaren und Kochgeschirr, alles andere musste in der Wohnung bleiben. Eine Rückkehr ins Sperrgebiet am Tag der Räumung oder in den folgenden drei Jahren war strengstens verboten, auch etwaige Bitten, Dinge aus dem eigenen Besitz zu erhalten, wurden von der Besatzungsmacht in 99 Prozent aller Fälle abschlägig beschieden.

Das Sperrgebiet bestand bis zum 21. Juni 1948. Die Zäune wurden an diesem Tag abgebaut, und die Menschen konnten sich in diesem Gebiet wieder frei bewegen. Die im „großen Sperrgebiet“ beschlagnahmten Wohnungen wurden zum größten Teil erst zwischen 1952 und 1955 an ihre Besitzer zurückgegeben, nachdem Land und Bund die amerikanischen Siedlungen, auch „housing areas“ genannt, errichtet hatten.

Andrea Janssen

Andrea Janssen, von Hause aus Innenarchitektin, interessierte sich schon früh für Geschichte, zuerst hauptsächlich für Burgen und Schlösser. Sie war lange Mitglied in der Burgenvereinigung und beschäftigte sich mit der Architektur mittelalterlicher Burganlagen.

Nach dem Ende des Studiums arbeitete sie einige Jahre als Architektin und plante sowohl öffentliche Gebäude als auch private Bauvorhaben.

Während einer langen Familienphase begann sie, sich intensiv mit ihrer Heimatstadt Frankfurt und der Geschichte der Stadt zu beschäftigen. Als Kind eines amerikanischen Vaters, der als Soldat in Deutschland stationiert war, und einer deutschen Mutter lag ihr besonderes Interesse auf der Zeit, in der die Amerikaner eine große Rolle in der Stadt spielten. Schon immer hatte sie von Familienangehörigen gehört, dass es in Frankfurt ein von den Amerikanern eingerichtetes Sperrgebiet gab – nur fand sie keine Informationen darüber. Die Suche der Stiftung Polytechnische Gesellschaft nach Stadtteil-Historikern gab den Ausschlag, sich mit diesem Thema tiefer zu beschäftigen – und die Beschäftigung hält an.

 

Quelle: Bürger, die Geschichte schreiben (Band II - Dezember 2014)