Das kleine Häuschen in der Fressgass: die Geschichte einer Straße, ihrer Häuser und ihrer Bewohner in Kürze

von Hans Zimmermann

Die Geschichte meiner engsten Heimat habe ich als Stadtteil-Historiker der Stiftung Polytechnische Gesellschaft erforscht. Dabei stöberte ich im Archiv des Instituts für Stadtgeschichte, vor allem in den Adressbüchern seit 1832, in den reichhaltigen Fotobeständen und vielen anderen gesammelten Schätzen mit Signatur. Außerdem befragte ich Zeitzeugen aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und steuerte meine eigene Erfahrung aus 60 Jahren Leben in der Fressgass bei. 2016 präsentierte ich meine Ergebnisse in dem Buch „Das kleine Häuschen in der Fressgass – Die Entwicklung einer Straße, ihrer Geschäfte und ihrer Bewohner in Kürze“.

Das kleine Haus auf der Fressgass damals. Foto: privat


Vieles in diesem Buch ist wenig oder gar nicht bekannt. Die meisten Passanten, die heute über die Fressgass laufen, denken, diese sei schon seit Ewigkeiten eine breite Fußgängerzone. Dabei ist es gerade einmal vierzig Jahre her, dass die Autos aus ihr verbannt wurden. Bei einer Geschichte, die im Mittelalter beginnt, ist das kein langer Zeitraum. Die erste Erwähnung der Bockenheimer Gass, wie die Fressgass damals hieß, findet man in der Liste des Baldemar von Petterweil aus dem Jahr 1350. Damals lag hier vor den Toren der alten Staufenmauer der Schweinemarkt.

Mit der großen Stadterweiterung, die mit dem kaiserlichen Privileg aus 1333 begann, lag die Bockenheimer Gass dann in der sogenannten Neustadt zwischen der alten und der neuen Stadtmauer. Sie führte zum Bockenheimer Tor und war eine belebte Ausfallstraße in Richtung Westen, sie war schmal und wurde mit gotischen Häusern immer dichter bebaut. Mit der Schleifung der Wallanlagen anfangs des 19. Jahrhunderts veränderte sich das Bild der Straße wesentlich.

Die gotischen und barocken Häuser wichen vielfach klassizistischen Bauten und diese anschließend den Gründerzeithäusern der wilhelminischen Zeit. Mit der rasanten Entwicklung Frankfurts in der Gründerzeit nahm der Anteil der Lebensmittelgeschäfte in der Straße auf rund zwei Drittel aller Geschäfte stark zu. Vorher und auch heute wieder machten diese nur ein Drittel aus. So gab es beispielsweise um die Jahrhundertwende zwölf Metzgereien in dieser Straße. Die Bockenheimer Gass wurde zum Bauch des neu entstandenen vornehmen Westends.

Aus dieser Zeit stammt der Name Fressgass, der nicht die offizielle Adresse und schon gar nicht althergebracht, sondern erst seit ungefähr einhundert Jahren im Gebrauch ist – anfangs selten, heute fast ausschließlich. Über Hunderte von Jahren wurde sie Bockenheimer Gass genannt, und auch heute steht sie als Große Bockenheimer Straße und Kalbächer Gasse im offiziellen Stadtplan.

»Kein wirtschaftliches Interesse und keine Neuerung der Architektur haben das Häuschen seit 1750 stark verändert, keine Bombe und keine Abrrisbirne haben es zerstört. Vielleicht war es für alle diese Auslöser des Wandels einfach zu klein.«

Um die Fressgass über die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg hinaus noch wesentlich breiter zu machen und eine vierspurige Verkehrsachse zu schaffen, wurden vor 65 Jahren viele Häuser, die die Bombardierung überstanden hatten, enteignet und abgerissen. Dieses Konzept der damals angestrebten autogerechten Stadt ging nicht auf und wurde vom Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs abgelöst. Seit 1973 buddelten die Baumaschinen in der Fressgass, um die U-Bahn zu schaffen. 1977 konnte dann die heutige Fußgängerzone eingeweiht werden.

Das kleine Häuschen hat die Geschichte der Fressgass, ihrer Häuser und ihrer Bewohner seit 1750 miterlebt und als einziges Haus der Straße aus dieser Zeit wundersam überlebt. Kein wirtschaftliches Interesse und keine Neuerung der Architektur haben es stark verändert, keine Bombe und keine Abrissbirne haben es zerstört. Vielleicht war es für alle diese Auslöser des Wandels einfach zu klein.

Hans Zimmermann

Hans Zimmermann, Jahrgang 1949, lebt seit 1958 in der Fressgass im kleinen Häuschen mit der Hausnummer 31. Damals zog er mit seiner Familie dort ein. Die Zimmermanns hatten die Metzgerei im Haus übernommen, und auch die berühmte Zeppelinwurst wurde nun von ihnen hergestellt und angeboten. Das Geschäft lief gut im Wirtschaftswunderland.

Hans Zimmermann erlernte von klein auf das Metzgerhandwerk und legte 1972 die Meisterprüfung ab. Seit 1973 führte er nun selbst die Zeppelin-Metzgerei.

1984 verpachtete er das Geschäft und begann nach einigen Weltreisen das Studium der Ethnologie an der Uni Frankfurt. Nach dem Magisterabschluss 1992 unternahm er viele Reisen nach Westafrika, um dort Feldforschung zu betreiben und ethnographische Filme zu produzieren.

Seit 1992 arbeitete er als Kameramann für Nachrichten und Dokumentation auch im Ausland für verschiedene Fernsehsender und bildete Videojournalisten aus. Trotz seiner offensichtlichen Leidenschaft für das Ferne und Fremde ist er seiner Fressgass treu geblieben und lebt gerne hier.

 

Quelle: Bürger, die Geschichte schreiben (Band III - November 2018)