Die Gelatinefabrik in Nied und Höchst

von Brigitte Vollert

Von einem Wohnhaus abgesehen, das zudem baulich stark verändert wurde, steht heute nichts mehr von den Gebäuden der ehemaligen Gelatinefabrik, der größte Teil des Geländes gehört heute zum Frankfurter Grüngürtel. Dennoch gehört die Geschichte dieser Fabrik zur Stadtteilgeschichte unbedingt dazu.

Denkt man an die industrielle Entwicklung des Untermaingebiets, bringt man sie vorwiegend in Verbindung mit den beiden großen chemischen Fabriken in Höchst und Griesheim. Doch in der Anfangszeit der Industrialisierung waren dies nur zwei Werke unter vielen anderen.

Bei meiner Recherche wurde bald deutlich, dass – von der Literatur zu den Farbwerken Hoechst abgesehen – kaum Veröffentlichungen über die Frühzeit der Industrialisierung im Frankfurter Westen existieren, in der damals das Höchster Werk eben noch keine dominierende Rolle spielte. Mit meiner Publikation hoffe ich, eine Lücke in der örtlichen Geschichtsschreibung zu schließen.

Dabei lag mir nicht nur daran, die Firmengeschichte zu rekonstruieren, sondern mein besonderes Augenmerk galt auch den Lebens- und Arbeitsbedingungen der frühen Fabrikarbeiter, ihren ersten, oft noch zaghaften Versuchen, sich zu organisieren und für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen.

Ein weiterer Aspekt war die Darstellung der wirtschaftlichen Verbindungen und personellen Verflechtungen der Fabrikherren und ihren bereits umfangreichen internationalen Kontakten, bestehend nicht nur in Handelsbeziehungen, sondern durchaus schon in „Filialgründungen“, zum Beispiel in England und der Schweiz.

Und schließlich: Warum ausgerechnet die Gelatinefabrik? Wie bereits erwähnt, gab es zahlreiche frühindustrielle Fabriken im Untermaingebiet; in Höchst z. B. war unter anderem eine blühende Möbelindustrie ansässig. Doch als Vorstandsmitglied des Nieder Heimat- und Geschichtsvereins bin ich zunächst der Nieder Ortsgeschichte verpflichtet, und zudem blieben durch einen Zufall des Schicksals zwei dicke Aktenordner mit Baugenehmigungsunterlagen und diverser Korrespondenz der Firma erhalten, während man bei anderen Betrieben auf die oft spärlichen Unterlagen angewiesen ist, die in den öffentlichen Archiven aufzufinden sind.

»Heute erinnert nichts mehr daran, dass der Frankfurter Stadtteil Nied, der mit „Wohnen im Grünen“ wirbt, im ausgehenden 19. Jahrhundert von einer Gelatinefabrik beherrscht wurde, die zu ihrer Blütezeit fast ein Drittel der Ortsbebauung ausmachte. «

Gleichwohl verblieb noch sehr viel Recherchearbeit, und mit jedem neuen Fundstück zum Thema, wie etwa der im Originaltext erhaltenen Fabrikordnung oder Behördenkorrespondenz zu einem Streik in der „Gelatine“ im Jahre 1869, wuchsen mein detektivischer Spürsinn und die Überzeugung, mit diesem Thema exemplarisch einen Einblick in das Leben in der Untermainregion in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts darstellen zu können.

Das Produkt Gelatine – damals erstmalig in industriellem Maßstab herstellbar – bestimmte die Technik der Zeit. Kunststoffe gab es noch nicht. Gelatine fand Verwendung als Leim (Möbelindustrie!), als Appretur für Kleidung und für die damals aus der Freizeitmode nicht wegzudenkenden Strohhüte, sie wurde benötigt für die Herstellung diverser Papiere und für die Klärung von Bier und Wein. Vor allem aber revolutionierte sie die Fotografie. Die Belichtungszeiten konnten erheblich verkürzt werden, und der Rollfilm, bestehend eben aus Gelatine, wurde erfunden.

Im November 2013 hielt ich mein fertiges Buch in den Händen. Zu seinem Gelingen hat die Unterstützung der Stiftung Polytechnische Gesellschaft viel beigetragen; neben der finanziellen Förderung erwies sich der Gedankenaustausch mit den anderen Stadtteil-Historikern unter Leitung des Historikers Dr. Oliver Ramonat als Quelle für Tipps und vor allem für die Motivation. Schließlich gab es nicht nur Tage der „Sensationsfunde“, sondern eben auch viele Tage in den Archiven ohne greifbare Ergebnisse.

Zu danken habe ich vielen. Aber dass das Buch so schön geworden ist, ist in erster Linie das Verdienst meiner Vorstandskollegin im Heimat- und Geschichtsverein Nied, Frau Regina Schneider-Back von der Firma Fotosatz Back, die in ehrenamtlicher Feierabendarbeit mit viel Liebe, Einsatz und Aufwand das Layout professionell gestaltet hat.

Brigitte Vollert

Brigitte Vollert wurde am 17. Juni 1956 in Höchst geboren und wuchs als älteste Tochter des Frankfurter Realschulrektors Adalbert Vollert und seiner Frau, der Grundschullehrerin Gertrude Vollert, geborene Sachs aus Kelkheim-Münster, in Nied auf. Schon in ihrer Kindheit interessierte sie sich, motiviert durch die Eltern, für Geschichte.

Nach dem Abitur studierte sie Jura und arbeitete viele Jahre lang als freie Rechtsanwältin in Frankfurt am Main. Als es ihr möglich wurde, beruflich etwas kürzerzutreten, engagierte sie sich im Heimat- und Geschichtsverein Nied, den ihre Eltern gegründet hatten.

Zunächst übernahm sie das Korrekturlesen und schließlich das Lektorat der Bücher ihres Vaters Adalbert Vollert zur Nieder Ortsgeschichte, von denen das letzte, „Nied zwischen den Fronten“, ebenfalls im Rahmen der Stadtteil-Historiker erschienen ist, bis sie 2010 ihre erste eigene Publikation über den ersten Nieder Chronisten Josef Benner veröffentlichte. Seit dieser Zeit schreibt sie regelmäßig Beiträge für die Schriftenreihe des Nieder Heimat- und Geschichtsvereins.

 

Quelle: Bürger, die Geschichte schreiben (Band II - Dezember 2014)