„Die Rutsch enuff und die Rutsch erunner“ – Die Alte Falterstraße im Wandel der Zeit

von Uta Endreß und Francis Louis Schreiner

Uta Endreß und Francis Louis Schreiner, beide im Jahre 1995 Gründungsmitglieder des Geschichtsvereins Griesheim, erinnern sich  noch gut an die Eröffnungsveranstaltung zum Programm „Stadtteil-Historiker“ im Juni 2007. Auf der Rückfahrt überlegten sie sich „Möchten wir das wirklich machen?“ – und entschieden sich, es zu wagen.

Die Alte Falterstraße in der Ausstellung.


Uta Endreß war schon als Kind mit ihrer Mutter in der Alten Falterstraße spazieren gegangen, die als Haupteinkaufsstraße und allgemeiner Treffpunkt in Griesheim – einst die größte Gemeinde Hessens – eine wichtige Rolle spielte. Ihre Schwiegereltern betrieben hier eine traditionsreiche Bäckerei. Schon bevor sie das Ausstellungsprojekt zur „Rutsch“, wie die Straße im Stadtteil heißt, in Angriff nahm, hatte sich Frau Endreß Gedanken über Geschäfte, Lokale und andere Einrichtungen gemacht, die im Laufe der Zeit verschwunden waren.

Seit ihrer Kindheit faszinierten sie die Inserate in den Jahresbroschüren der ortsansässigen Vereine. Hatte sie zunächst vor allem nach dem Namen ihres Vaters als Mitglied der Spielvereinigung 02 im Vereinsheft von 1927 Ausschau gehalten und sich von der Reklame des Friseurs Schlotterbeck beeindrucken lassen, so machte sie sich nun gemeinsam mit ihrem Vereinskollegen Francis Schreiner ganz systematisch ans Werk.

»Die Ausstellung hat uns viel Spaß gemacht. Wir waren manchmal selber überrascht, wie viel sich in unserem Stadtteil geändert hat – und das nur in einer einzigen Straße.«

Im Archiv des Geschichtsvereins finden sich die Ausgaben des „Griesheimer Anzeigers“ von April 1894 bis zur letzten Ausgabe im Mai 1941, die sich als ebenso wertvolle Quellen erwiesen wie die alten Vereinschroniken und Adressbücher. Alle verfügbaren Anzeigen über Geschäftseröffnungen und Geschäftsaufgaben und zu Häusern in der Alten Falterstraße sammelten Frau Endreß und Herr Schreiner. Hatten sie anfangs die Idee, ein Panoramabild der Straßenfront zu erstellen, mussten sie dieses Vorhaben aus technischen Gründen schließlich aufgeben. Danach aber konnten sie ihr neues Konzept erfolgreich umsetzen: Sie vergrößerten einen Straßenplan auf den Maßstab 1:125. So konnten sie die Alte Falterstraße auf vier Metern Länge darstellen und versahen jedes Haus mit einer Hausnummer aus Emaille. Darunter stellten sie historische Fotos und aktuelle Aufnahmen einander gegenüber, um den Strukturwandel aufzuzeigen.

Sie sammelten Bildmaterial aus alten Postkarten, wandten sich aber auch direkt an (ehemalige)  Ladeninhaber  und  Bewohner der Straße, die sie aufgeschlossen unterstützten. Ein Bericht in der „Frankfurter Neuen Presse“ förderte weiteres Bildmaterial zutage. Nicht zu allen Häusern ließ sich Material finden, aber es wurde dennoch deutlich, wie stark sich die Alte Falterstraße verändert hatte. Die Entwicklung von Lebensmittelgeschäften, Gastwirtschaften, Haushaltswarenläden, Handwerksbetrieben, Bekleidungsgeschäften und Dienstleistern und der damit einhergehende Wandel der Infrastruktur konnten umfassend dokumentiert werden. Auch ließen sich anhand der Inserate ganze Lebensgeschichten rekonstruieren, wie etwa die Geschäftsgründung der Familie Schmittel, die ihren Betrieb wegen Krankheit des Vaters aber bald wieder aufgeben musste. Seine Witwe eröffnete das Geschäft später erneut, konnte es jedoch nicht halten.

Auch Dramatisches hat die Alte Falterstraße zu bieten: Hier war das Tabakgeschäft von Frau Lieb ansässig, deren Ehemann Franz Lieb am 17. Oktober 1961 unter bis heute nicht geklärten Umständen ermordet wurde – Deutschlands erster „Taximord“, der bundesweit Anteilnahme auslöste und den Einwohnern der Straße bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Bei der Aufbereitung des umfangreichen Materials ließen sich Frau Endreß und Herr Schreiner von einem Hinweis von Professor Hans-Joachim Gehrke beim ersten Werkstatt-Treffen leiten, der den Stadtteil-Historikern sinngemäß riet: „Sie können nicht alles Material zu 100 Prozent wiedergeben, und das sollten Sie auch nicht versuchen – Sie können aber vermitteln, wie es einmal war“.

Mit der Resonanz auf ihre Ausstellung, die ab September 2008 fast ein Jahr lang im Geschichtsverein zu sehen war, waren Frau Endreß und Herr Schreiner sehr zufrieden: Bis heute erreichen sie Anfragen nach der Begleitbroschüre. Derzeit planen sie, nach dem Vorbild der Ausstellung auch die Geschichte von Alt-Griesheim, der ältesten Straße des Stadtteils, aufzubereiten.

Uta Endreß

Uta Endreß, geboren 1935 in Frankfurt, verbrachte ihr ganzes Leben in Griesheim. 1953 begann sie eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau. Nach ihrer Hochzeit mit Bäckermeister Heinz Endreß 1959 übte sie ihren Beruf noch zwei Jahre aus, bis 1961 ihre erste Tochter geboren wurde, der 1963 eine zweite Tochter folgte. Mit ihrem Mann führte sie von 1968 bis 1984 eine Bäckerei, die ihren Ursprung in der Alten Falterstraße hatte. Frau Endreß engagiert sich auf vielfältige Weise, zum Beispiel im Geschichtsverein Griesheim, dessen Erste Vorsitzende sie ist. Dort organisiert sie Veranstaltungen wie das „Weihnachtsfenster“ und Zeitzeugentreffen und gestaltet die Räume und das Schaufenster des Vereins.

Francis Louis Schreiner

Francis Louis Schreiner hat Uta Endreß maßgeblich bei der Umsetzung des Projekts unterstützt. Er wurde 1943 in Maryland / USA geboren. Als Angehöriger der US-Armee war er 1962 bis 1964 als Fernmelder in Ludwigsburg eingesetzt. Danach beschloss er, in Deutschland zu bleiben, heiratete 1965 und wurde 1974 Vater eines Sohnes. Nach Abschluss eines Studiums des Bauingenieurwesens im Jahre 1971 war er jahrzehntelang in verschiedenen Sparten der Hochtief AG tätig. Dem Vorstand des Geschichtsvereins Griesheim gehört er bis heute als Kassierer an. Mit großer Leidenschaft lotet er die technischen Möglichkeiten seines PCs aus.

 

Quelle: Bürger, die Geschichte schreiben (Band I - November 2010)