„... ein auf die Schaubahn des Reiches getretenes kühnes Weib.“

von Udo Stein

Bei meiner Arbeit über die Geschichte der Stadt Groß-Gerau im 18. Jahrhundert fanden sich Hinweise auf eine für die Groß-Gerauer Verhältnisse ungewöhnliche Frau, die sich ein Wohnhaus hatte errichten lassen, das die Einheimischen als „Schlösschen“ bezeichneten. Maria Kunkel, so ihr Name, war eine gebürtige Frankfurterin und trug den Titel einer Hofrätin. Schnell ergab sich, dass Goethe sie in einem Brief erwähnt hatte.

Von Maria Kunkel errichtetes Haus in Groß-Gerau, Mainzer Straße 11. Foto: Udo Stein.


Prozessschriften, die sich in Bibliotheken fanden, wiesen darauf hin, dass es sich bei ihr um eine Persönlichkeit handeln musste, die zu ihren Lebzeiten durchaus der damals entstehenden Öffentlichkeit bekannt war. Für die Arbeit über Groß-Gerau war das nebensächlich. Gleichwohl reifte in mir der Plan, mich einmal etwas näher mit Maria Kunkel auseinanderzusetzen. Die Gelegenheit bot sich im Rahmen des Projekts Stadtteil-Historiker.

Bei der weiteren Arbeit stellte sich heraus, dass die Hofrätin Kunkel „ein auf die Schaubahn des ganzen Reiches getretenes kühnes Weib“ war. Denn sie war in einen spektakulären Ehekonflikt verwickelt, in dessen Verlauf sogar höchste Instanzen des Reiches eingebunden waren. Maria Kunkels Leben war über Jahre hinweg ein verzweifelter Kampf einer bürgerlichen Frau um das Recht, ihr Leben nicht von anderen bestimmen zu lassen.

Sie behauptete sich gegen ihren Ehemann, seine mächtigen Unterstützer, darunter der Kurfürst von Trier, und das bestehende Recht, wie es einerseits im geistlichen Bereich von der katholischen Kirche und andererseits im weltlichen Bereich vom Kaiser vertreten wurde. Allerdings erhielt die Hofrätin Kunkel dabei ihrerseits Unterstützung von den evangelischen Mächten im Reich. Deshalb gibt die Lebensgeschichte der Hofrätin Kunkel zugleich auch einen Einblick in die inneren Verhältnisse des Reiches in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

»Bei meiner Arbeit stellte sich heraus, dass eine gewisse Hofrätin Kunkel in einen spektakulären Ehekonflikt verwickelt war, in dessen Verlauf sogar höchste Instanzen des Reiches eingebunden waren. Ihr Leben war über Jahre hinweg ein verzweifelter Kampf einer bürgerlichen Frau um das Recht, ihr Leben nicht von anderen bestimmen zu lassen.«

1760 wurde die kaum fünfzehnjährige katholische Frankfurter Bürgerstochter Maria Steinam mit dem einige Jahre älteren Hofrat Georg Kunkel verheiratet. Er war zunächst Beamter am Reichskammergericht in Wetzlar, später in Frankfurt im diplomatischen Dienst des Kurfürsten von Trier. Nach zwölf Jahren war aus Sicht der Hofrätin Kunkel die Ehe vollkommen zerrüttet. Deshalb strebte sie die Trennung von ihrem Mann an. Nach katholischem Eherecht konnte dies nur eine Trennung von Tisch und Bett sein, die von einem Geistlichen Gericht unter wohldefinierten Bedingungen dekretiert werden konnte. Trotz aller Schwierigkeiten erreichte Maria Kunkel die Trennung von ihrem Mann. Doch der setzte alle Hebel in Bewegung, um seine von ihm getrennte Ehefrau buchstäblich wieder in seine Gewalt zu bekommen.

So wollte er sie zum Beispiel in ein Kloster entführen. Dabei konnte er sich auf die bedingungslose Unterstützung seines Dienstherrn,  des Kurfürsten von Trier, verlassen. Doch Maria Kunkel wehrte sich: Sie machte ihr Frankfurter Bürgerrecht geltend und konvertierte zum evangelischen Glauben. Frankfurt und der Kurfürst von Trier stritten sich nun, wer die rechtmäßige Obrigkeit der Maria Kunkel sei. Der Kurfürst wandte sich an das Gericht des Kaisers in Wien und erhielt dort Recht. Daraufhin floh Maria Kunkel aus Frankfurt ins französische Straßburg, von da in die Schweiz, weiter nach Hannoversch-Münden im Herrschaftsgebiet des Kurfürsten von Hannover und schließlich nach Groß-Gerau in der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt. Die monatelange Flucht wäre kaum ohne mächtige Unterstützer möglich gewesen. Der preußische König, der Kurfürst von Hannover, der Landgraf von Hessen-Darmstadt und die übrigen evangelischen Reichsstände waren aus politischen und religiösen Motiven heraus bereit, Maria Kunkel zu helfen. Nach außen hin deuteten sie die Hofrätin Kunkel als ein Opfer religiöser Verfolgung durch den Erzbischof und Kurfürsten von Trier. Am Ende war Maria Kunkel vor dem Zugriff ihres Mannes und des Kurfürsten von Trier gerettet und konnte in Groß-Gerau in der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt sogar die Erlaubnis zu einer zweiten Ehe erlangen.

Aus der Arbeit an den Quellen aus zahlreichen Archiven im In- und Ausland konnte das Bild einer Persönlichkeit gezeichnet werden, der es im 18. Jahrhundert im Spannungsfeld zwischen Aufklärung und den Kräften der Beharrung auf dem Überkommenen gelang, als Frau ihr Leben selbst zu bestimmen.

Am 18. Februar 2013 hatte ich die Gelegenheit, im Rahmen der Vortragsreihe „FrauenGeschichte(n)“ der Gesellschaft für Frankfurter Geschichte Maria Kunkel vorzustellen. Der Vortrag wird im Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst, Band 75, veröffentlicht.

Udo Stein

Udo Stein lebt in Frankfurt und ist Lehrer an der Prälat-Diehl-Schule in Groß-Gerau. Er unterrichtet die Fächer Deutsch, Politik und Wirtschaft und Geschichte und ist Mitglied der erweiterten Schulleitung. Seit 2003 hat er mit Schülerinnen und Schülern aus Leistungskursen im Fach Geschichte drei Ausstellungen zu schulbezogenen Themen für das Stadtmuseum in Groß-Gerau gestaltet: „Oberprima-Abitur in Groß-Gerau 1953“ (2003), „Höhere Bildung in Groß-Gerau zwischen 1832 und 1871“ (2008) und „Von der Werkhalle zur Aula. Ein Industriegelände wird Schulstandort“ (2014).

Veröffentlichungen von Udo Stein

· „Ein Rebeller auf der Kanzel, bürgerliche Deputirte gegen den Rath der Stadt Groß- Gerau“ – Aspekte bürgerlicher Interessenartikulation für das wahre Beste einer Landstadt im 18. Jahrhundert. In: Ist sehr reich und fruchtbar an Wein/Korn/Kraut und anderen Dingen. Geschichte Groß-Geraus vom Frühmittelalter bis zur Gründung des Kreises 1832, herausgegeben vom Magistrat der Kreisstadt Groß-Gerau, Groß-Gerau 2010, S. 107–135.

· Anselm Elwert – Sammler, Dichter, Publizist und Amtmann zwischen Aufklärung und Romantik. In: Archiv für hessische Geschichte und Altertümer (AHG), NF 68/2010, S. 49 –120.

· Höhere Bildung in Groß-Gerau zwischen 1832 und 1871. Realschulgründung im gesellschaftlichen Spannungsfeld einer hessischen Kleinstadt . In: AHG, NF 66/2008, S. 61–149.

· Oberprima – Abitur in Groß-Gerau 1953. Eine schulpolitische Entscheidung in der Zeit des Aufbaus der Demokratie nach 1945. In: AHG, NF 61/2003, S. 227–330.

 

Quelle: Bürger, die Geschichte schreiben (Band II - Dezember 2014)