Feldmarschall-Leutnant Felix Freiherr Stregen von Glauburg

von Dr. Andreas Eichstaedt

Ein "Genie" aus Frankfurt in Habsburgischen Diensten.  Kommentierte Quellen zu dem k. k. Ingenieur-Offizier, der für Erzherzog Johann die Semmering-Bahnstrecke trassierte.


Mitte der 1960er-Jahre bekam ich von meiner kakanischen, also alt-österreichischen, Großmutter im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien das 'Taschenbuch der Militärgeschichte Österreichs' von Oskar Regele geschenkt. Dort stieß ich später unter dem Jahr 1854 und dort wieder unter dem „14. Feber“ auf den folgenden Eintrag:

"† Frankfurt a. M. Feldmarschallleutnant Felix von Stregen, * Frankfurt a. M. 9.8.1781 oder 1783. Er leitete im Auftrage des Erzherzogs Johann die erste Trassierung der Semmering-Bahn."

Als Frankfurter mit eben solchen kakanischen Wurzeln war mein Forscherinteresse geweckt. Noch nie hatte ich von diesem Mann gehört. Als ich dann noch im Institut für Stadtgeschichte im Frankfurter Intelligenzblatt vom 19.2.1854 in der Beschreibung von Stregens spektakulärem Begräbnis den schönen Schluss-Satz las: "Die Stadt Frankfurt verliert in dem Verstorbenen einen ihrer höchst gestellten Mitbürger, Se. Majestät einen der wissenschaftlichsten Offiziere. Friede seiner Asche!", musste ich mich dem Thema widmen.

Erste Anlaufstelle war das Frankfurter Institut für Stadtgeschichte. Dort sind die Nachlass-Akten seiner Witwe, seiner Geschwister und seiner Mutter sowie eben der Artikel aus dem Frankfurter Intelligenzblatt aufbewahrt. In Frankfurt wiederum war das Grünflächenamt mit seiner Abteilung Friedhofswesen ein wichtiger Informant. Das Grab steht unter Denkmalschutz. Nur daher sind die Grabakten dort noch vorhanden. Über Stregens Bedeutung war man sich nicht im Klaren. Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg konnte Briefe des Architekten Karl Roesner an Stregen beisteuern. Der nächste Schritt war das Österreichische Staatsarchiv mit seinen Untergliederungen Kriegsarchiv, Haus-, Hof- und Staatsarchiv sowie dem Allgemeinen Verwaltungsarchiv, Finanz- und Hofkammerarchiv.

In Wien musste auch Kontakt zum Heeresgeschichtlichen Museum, zum Wien Museum und zum Technischen Museum gesucht werden. In der Österreichischen Nationalbibliothek gibt es zwei Portraits (Lithografien) von ihm. Weiter spielten in Österreich das Steiermärkische Landesarchiv mit dem Familienarchiv Meran, wo sich die meisten Unterlagen von Erzherzog Johann befinden, und das Salzburger Landesarchiv eine wichtige Rolle. Damit sind nur die wichtigsten Orte genannt.

Aus vielen kleinen und wenigen größeren Mosaiksteinen ergab sich dann folgendes kurzgefasstes Lebensbild:

Felix von Stregen, in Frankfurt am Main 1782 als Sohn eines k.k. Kriegs-Kassen-Offiziers und einer Frankfurter Bürgerstochter geboren, leitete als k.k. österreichischer Ingenieur-Offizier die Trassierung der ersten Hochgebirgs-Eisenbahnstrecke der Welt, der Semmering-Bahn, die seit 1998 UNESCO-Weltkulturerbe ist. Diese Machbarkeitsstudie erstellte er im Auftrag seines Vorgesetzten, des General-Genie-Direktors Erzherzog Johann, dem er auch den Bau seines Stadtpalais in Graz (‚Palais Meran‘) organisierte. Dort würdigt man ihn seit 1971 mit einer 'Stregengasse'.

»Für Heinrich Heines Ansicht, dass unter jedem Grabstein Weltgeschichte liege, liefert Felix von Stregen ein gutes Beispiel. Besonders in seiner weitsichtigen Rolle in der Frühzeit des Eisenbahnwesens lässt sich ihm eine gewisse Bedeutung nicht absprechen. In einer Epoche des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs verteidigte er als Offizier die Monarchie, während er als Ingenieur für den Fortschritt eintrat.«

Zuvor hatte er an den Napoleonischen Kriegen teilgenommen. 1816 heirate er als Frankfurter Bürger Marianne Eleonore Freyin von Glauburg. In Friedenszeiten war er als Fortifikations-Lokal-Direktor in verschiedenen habsburgischen Garnisonsstätten tätig. Das Ehepaar bekam vier Kinder in jeder dieser Städte. Ein Sohn und eine Tochter überlebten. Eine Schwester seiner Frau, Henriette von Glauburg, heiratete 1827 den letzten Älteren Bürgermeister der Reichsstadt Frankfurt, Anton Ulrich Freiherr von Holzhausen. Durch diese, für Anton Ulrich zweite, Ehe wurde Holzhausen zu einem Schwager Stregens. Das Ehepaar Holzhausen hatte zwei Kinder. Eines dieser Kinder war der 1829 in Hanau geborene Friedrich Anton von Holzhausen († 1907 in Frankfurt). Durch Stregens Vermittlung wurde dieser k.k. Kavallerie-Offizier. Dadurch gibt es heute noch eine österreichische Linie der Holzhausens, während die ältere Frankfurter Linie erloschen ist. Nach seinen Arbeiten in der Steiermark wurde er Direktor der damals hochgerühmten k.k. Ingenieur-Akademie in Wien, die er auch selbst als Schüler besucht hatte, und zum Feldmarschall-Leutnant befördert.

Der Weg dorthin war aber mit einem Hindernis zuerst verbunden. Stregen hing dem lutherischen Glauben an. Erzherzog Johann, der ihn vorgeschlagen hatte, vermerkte in seinen Unterlagen: "General Stregen, einer der vorzüglichsten Offiziere des Corps, ebenso geeignet für die Truppe, führte früher das Sappeur Corps, war von mir für die Direction der Ingen. Accademie als der geeigneteste dazu vorgeschlagen und obgleich in derselben alle Confessionen aufgenommen werden und sie ihrem Glauben nachgehen, weil er evangelisch ist nicht bewilliget, führte die Aufsicht über die Cadetten Compagnie zu Gratz mit Auszeichnung, zu gemessenem Directionen, Bauten, Entwürfe vorzüglich im Felde zu verwenden. Talente, Kenntniße, Thätigkeit, Ordnungsliebe, strenge Rechtlichkeit, vielleicht zu milden guten Herzem – etwas harthörig [schwerhörig]."  In den Ruhestand ging er, dekoriert mit dem Komturkreuz des kaiserlichen Leopoldsordens von Kaiser Franz Josef I., als Felix Stregen Freiherr von Glauburg. 1854 starb Stregen in seiner Heimatstadt Frankfurt am Main. Sein Grab ist noch heute auf dem Frankfurter Hauptfriedhof vorhanden (Gewann E 304 an der Mauer).

Aus dem Thema ergaben sich bisher ein bei der Gesellschaft für Frankfurter Geschichte (GFG) gehaltener und ein geplanter Vortrag bei der Österreichischen Gesellschaft Frankfurt am Main.

Der Vortrag bei der GFG soll auch für das 'Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst' verschriftlicht werden. Ein Aufsatz in der 'Zeitschrift des Historischen Vereins für die Steiermark 2021' und ein oder mehrere Artikel im Frankfurter Personenlexikon sind im Werden. Ebenso soll Stregen in WIKIPEDIA einen Platz erhalten.

In Buchform ist das bisherige Ergebnis meiner Recherchen mit dem Titel 'Feldmarschall-Leutnant Felix Freiherr Stregen von Glauburg / Ein "Genie" aus Frankfurt in Habsburgischen Diensten / Kommentierte Quellen zu dem k. k. Ingenieur-Offizier, der für Erzherzog Johann die Semmering-Bahnstrecke trassierte' (ISBN 978-3-347-21170-4) am 23.12.2020 erschienen. Hier finden Sie noch das PDF mit dem Ausstellungsplakat zum Artikel.

Dr. Andreas Eichstaedt

Geboren wurde ich am 2. August 1952 in Frankfurt am Main. Hier lebe ich mit meiner Frau. Nach dem Abitur an der Wöhlerschule 1971 und einem Studium der Rechtswissenschaften legte ich beide juristische Staatsprüfungen ab. 1981 wurde ich bei Prof. Adalbert Erler und Prof. Bernhard Diestelkamp mit einem rechtshistorischen Thema zum Dr. iur. promoviert. Gleichzeitig durfte ich am Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte mitarbeiten. 2011 erschien mein Buch „Rabatz oder Rebellion? - Vom kreativ-konfliktfreudigen Umgang der Frankfurter mit ihrer Obrigkeit in der Vormärzzeit“. 2019 und 2020 hielt ich Vorträge bei der Gesellschaft für Frankfurter Geschichte/Institut für Stadtgeschichte über Frankfurter Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts. Beruflich begann ich 1980 als Verwaltungsjurist beim Umlandverband Frankfurt. 1983 holte mich der damalige Stadtkämmerer Ernst Gerhardt als Persönlichen Referenten in sein Büro. Von dort wechselte ich als Grundsatzreferent in das Büro von Oberbürgermeister Dr. Walter Wallmann. Seit 1986 arbeitete ich bei der SAALBAU – erst bei der GmbH, dann bei der Betriebsgesellschaft mbH – seit 1987 jeweils als Geschäftsführer. Von 2007 bis 2008 war ich zugleich einer der drei gleichberechtigten Geschäftsführer der ABG FRANKFURT HOLDING Wohnungsbau- und Beteiligungsgesellschaft mbH. Seit 2016 bin ich im Ruhestand.