Frauenfrieden – katholische Moderne in Bockenheim

von Kerstin Stoffels

Die Frauenfriedenskirche in Bockenheim ist in mancherlei Hinsicht eine außergewöhnliche Kirche. Sie ist die einzige Kirche in Deutschland, die von Frauen gebaut wurde.

Foto: Kerstin Stoffels


Die Vorsitzende des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB), Hedwig Dransfeld, entwickelte im Kriegsjahr 1916 die Idee, die deutschen Frauen sollten ein monumentales Zeichen für den Frieden und für die Solidarität mit den kämpfenden Männern setzen.

Im Jahr von Verdun und der ersten Gasangriffe erkannten auch die Menschen an der „Heimatfront“, dass der Erste Weltkrieg eine ganz neue, bisher ungekannte Qualität hatte. Die Kirche der Frauen sollte ein „steinernes Friedensgebet“, ein Dankgebet für die Verschonung des Reiches von den unmittelbaren Kriegsfolgen und eine Gedenkstätte für die gefallenen „Helden“ sein.

Die Deutsche Bischofskonferenz unterstützte diese Idee. Als Standort schlug sie die Diaspora vor, die Industriestadt Bockenheim. Hier waren durch die Arbeitsmigration Tausende katholischer Arbeiter zugezogen, die dringend eine zweite Kirche brauchten.

Die reichsweiten Spendensammlungen begannen 1919, das Geld ging durch die Inflationsjahre verloren, neue Sammlungen fanden ab 1924 statt, und 1927 schrieb man einen Architektenwettbewerb aus. Der Frauenbund lehnte eine historisierende Architektur ab und entschied sich für den modernen Stil als künstlerischen Ausdruck für die Gefühlswelt der Zeit. Aus der großen Konkurrenz ging Dominikus Böhm als Sieger hervor, allerdings war sein Entwurf eher für ein Denkmal als für eine praktikable Kirche geeignet. Die Bockenheimer Gemeinde verhinderte also seine Realisierung, und man entschied sich für den Entwurf „Hallenkirche“ des Stuttgarter Architekten Hans Herkommer, eines Schülers von Paul Bonatz.

Ernst May, der umfassende Befugnisse für den Städtebau in Frankfurt besaß, zeigte sich als Vorsitzender der Jury einverstanden. Der Bau begann 1927, 1929 wurde die Kirche auf die Mater dolorosa geweiht. Dabei wurde durch den Apostolischen Nuntius Eugenio Pacelli (später Pius XII.) der zunächst favorisierte Begriff des „deutschen Friedens“ in den internationalen Frieden geweitet. Hedwig Dransfeld erlebte den Bau nicht mehr, sie starb 1925. Maria Heßberger leitete als Vorsitzende des Arbeitsausschusses den Bau der Kirche mit großem Geschick und enormem Einsatz.

Da Frauenfrieden 1944 nur mäßigen Schaden erlitt, finden sich noch heute zahlreiche Zeugnisse der „Frankfurter Moderne“, die eindrücklich belegen, wie gut sich das Bauwerk in die Stadtentwicklung unter Ernst May einfügte. Die Mosaike der Kirche waren damals wegweisend und beeindrucken noch heute, alle mitarbeitenden Künstler hatten sich dem Architekten zu fügen, der aus seinem monumentalen Bau ein Gesamtkunstwerk bis in die letzten Details formte.

Lichtführung, Linien, Ausstattung und damals möglicherweise auch eine expressionistische Farbgebung entwickeln in dem riesigen Raum eine wahrhaft „großartige“ Wirkung. Als Opferkirche stellt sie die Altarwand mit dem Mosaik des siegreichen Christus, umgeben von weiblichen Heiligen, in den Mittelpunkt. Zum Hochaltar führen wie nach Golgatha 14 Stufen. Eine Krypta mit der strengen und berührenden Pietà von Ruth Schaumann ist der geschützte Ort der Trauer und der Meditation. Im sogenannten Ehrenhof, einer Art Kreuzgang, finden sich an den Säulen die Namen von Hunderten von Gefallenen beider Weltkriege. Sie machen Frauenfrieden zu einem Erinnerungsort der besonderen Art, der, wenn auch das Wort „Helden“ überall zu finden ist, doch eigentlich ein Ort der persönlichen Erinnerung und Trauer ist.

In Frauenfrieden kommen, wie in einem kunstvollen Knoten, viele Strömungen des frühen 20. Jahrhunderts zusammen: die Folgen der Industrialisierung, der Erste Weltkrieg, die erstarkende Frauenbewegung, das neue politische Selbstbewusstsein der Katholiken, die liturgische Erneuerung etwa durch Romano Guardini, die „Moderne“ in bildender Kunst und Architektur und die grundlegende Verunsicherung der Menschen, die in diesem monumentalen „Friedensgebet“ der Frauenfriedenskirche Sicherheit im Glauben und Selbstvergewisserung in der Gesellschaft fanden.

Die Gemeinde von heute verliert die Gründungsgedanken nicht aus dem Auge: Sie engagiert sich in der Friedensarbeit im In- und Ausland, der Entwicklungshilfe und der Arbeit mit jungen Müttern. Die Erhaltung dieser ungewöhnlichen Kirche und das Wissen um ihre Geschichte ist ihr bleibende Aufgabe; das vorliegende Projekt ist ein Ergebnis hiervon. Die Unterstützung der Stiftung Polytechnische Gesellschaft hat nicht nur dazu beigetragen, die Restaurierung des historischen Kirchenteppichs zu finanzieren, sondern vor allem geholfen, in der Stadt Frankfurt die Frauenfriedenskirche ein wenig bekannter zu machen.

Kerstin Stoffels

Die 1920er-Jahre begleiten mich schon mein Leben lang. Ich bin auf einem Weingut in Rüdesheim am Rhein aufgewachsen, wo das Büro noch ein Kontor mit Stehpulten war. Es waren die Schlager jener Jahre, die mein Großvater vor sich hin trällerte.

Obwohl ich mich in meinem Germanistikstudium eigentlich in der Mediävistik am wohlsten fühlte, steuerte ich doch mit meiner Abschlussarbeit wieder in die Gewässer der Zwanziger. Ich habe unzählige Stunden in Bibliotheken verbracht und den Geruch der alten Zeitungsbände eingeatmet, um Quellen zu meinem Thema zu finden. Die Weimarer Republik wurde mir dadurch unmittelbar vertraut.

Im Deutschen Rundfunkarchiv habe ich als Mitarbeiterin drei Jahre mit dem Rundfunkprogramm der zwanziger Jahre, speziell dem für Frauen, gearbeitet. Auch hier waren die Rundfunkzeitschriften und -aufnahmen Primärquellen, die das Bild der Weimarer Republik sozusagen mit Ton versahen.

Mein persönliches Frauenprogramm in Gestalt zweier Söhne bestimmte die nächsten zwölf Jahre.

Als hätte das alles mich unmerklich darauf vorbereitet, führte mich mein beruflicher Neuanfang als Gemeindesekretärin ausgerechnet in die Frauenfriedenskirche. Und natürlich will ich seither alles Mögliche genauer wissen, ein wohlbestücktes Archiv hilft mir dabei.

 

Quelle: Bürger, die Geschichte schreiben (Band II - Dezember 2014)