Jakob Latscha, Kaufmann und Sozialreformer

von Dr. Wolfgang Storm

Im Vordergrund meiner Darstellung steht zunächst Jakob Latschas Rolle als Kaufmann. Aus einfachen ländlichen Verhältnissen stammend, hatte er nur Volksschulbildung und eröffnete mit wenig Kapital, aber mit einer klaren Vorstellung, wie man im Lebensmittelhandel erfolgreich sein konnte, seinen ersten Laden, aus dem sich noch zu seinen Lebzeiten eine ganze Kette von  Ladengeschäften entwickeln sollte. 

Laden Kleiner Biergrund in Offenbach am Main mit ausschließlich männlichem Verkaufspersonal, wie im Einzelhandel damals üblich. Foto: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt, W 1/70


Unternehmergeist, kaufmännische Begabung und Wagemut, gepaart mit Besonnenheit zeichneten ihn aus. Interessanter fand ich jedoch eine andere Seite seines Wesens. Sein Streben erschöpfte sich nicht im geschäftlichen Erfolg. Noch zu einer Zeit, als die rasche Entwicklung seines Geschäfts fast seine ganze Arbeitskraft erforderte, kümmerte er sich um diejenigen jungen Menschen, die ihre Familien auf dem Land zurückgelassen hatten, um in der Stadt ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Die christliche Einstellung zu dem Nächsten sollte sein Leben zunehmend prägen. Persönlich und durch seine Tätigkeit im Christlichen Verein Junger Männer und in der Inneren Mission nahm er sich der jungen Menschen an, die vom Lande kommend ohne Familienanschluss der Unterstützung, Betreuung und Orientierung bedurften.

Jakob Latscha erkannte aber auch, welche große Bedeutung eine gerechte Verteilung von Grund und Boden und die menschenwürdige Unterbringung der Bevölkerung für die gesunde Entwicklung der Gesellschaft besitzen. Die Gedanken der Bodenreformbewegung veranlassten ihn zu Überlegungen, wie angesichts eines rasanten Bevölkerungswachstums die angemessene Versorgung mit Wohnraum sichergestellt werden könne.

»Du sollst dir höhere Ziele stecken als Erwerb und Genuss. [...] dann sollst du daran denken, dass der Mensch nicht das Recht hat, nur für sich zu leben. Wem viel gegeben wird, von dem wird viel gefordert.«

Jakob Latscha in einem Brief an seinen Sohn Hans

Nachdem er die Schönheit und sonstigen Vorzüge der vor den Toren der Stadt Frankfurt liegenden Gemarkung Buchschlag kennengelernt hatte, kam ihm die Idee, dort Häuser mit Gärten für das von der Wohnungsnot besonders betroffene Kleinbürgertum zu schaffen. Als er erkannte, dass sich die kleinen Leute, für die er bauen wollte, diese Häuser nicht leisten konnten, unternahm er einen weiteren Versuch und gründete die Landhauskolonie Waldheim bei Offenbach. Beide Vorhaben nahmen einen großen Teil seiner Arbeitskraft und seiner finanziellen Mittel in Anspruch. All dies zu untersuchen schien mir lohnenswert.

Meine Ergebnisse habe ich durch Recherchen in dem sehr umfangreichen Firmenarchiv der Firma Latscha und den Archiven des Geschichtsvereins Buchschlag und des Hauses der Geschichte Offenbach gewonnen. Wichtige Quellen, aus denen sich Hinweise auf Latschas Motivation zu seinem sozialen Engagement ergeben, wurden mir von privater Seite zur Verfügung gestellt.

Dr. Wolfgang Storm

Dr. Wolfgang Storm, geboren und aufgewachsen in Frankfurt am Main, studierte Jura in Frankfurt, Washington D.C. und Freiburg und wurde nach Ablegung beider juristischen Staatsexamen und Promotion 1971 Rechtsanwalt in Frankfurt.

1976 zog er von Frankfurt nach Buchschlag. Er war als Partner einer wirtschaftsrechtlich orientierten Anwaltssozietät und nach wiederholten Fusionen auch als Partner der Nachfolgersozietäten sowie nach seiner Bestellung auch als Notar tätig. Seit 2002 ist er im Ruhestand.

 

Quelle: Bürger, die Geschichte schreiben (Band III - November 2018)