Justizrat Dr. Karl Hoffmann (1770 – 1829)

von Hans Dieter Schneider

Ein Vordenker der freiheitlich-demokratischen Republik, bedeutend oder umstritten, Demokrat oder Hochstapler? Geschichte hat mich zeitlebens interessiert. So bin ich seit einigen Jahren Mitglied im Heimat- und Geschichtsverein Rödelheim mit seiner Arbeitsgemeinschaft „Wir lesen alte Schriften“. Das war für mich von besonderem Interesse, weil ich mich auch sehr viel mit Genealogie befasse und ich nun die Möglichkeit hatte, um „Lesehilfe“ zu bitten.

In Rödelheim gab es früher einmal eine „Rat-Hoffmann-Straße“, die 1935 von den Nazis in „Thudichumstraße“ umbenannt wurde. In Frankfurt-Rödelheim hat sich ein Gerücht über einen Justizrat Hoffmann sehr lange gehalten, von dem keiner mehr sagen konnte, was denn an der Geschichte nun wahr sei.

Irgendwann muss aber ein Gerücht hinterfragt werden. Und so ergab sich an einem lauschigen Sommerabend in einem Rödelheimer Biergarten eine Unterhaltung zwischen zwei Historikern: „Wissen Sie eigentlich, dass Sie hier in Rödelheim einen ganz bedeutenden Mann haben, der zu seiner Zeit eine Art ,Ministerpräsident‘ für das Territorium Solms-Rödelheim war?“ - „Ja, wen meinen Sie denn?“ - „Den Justizrat Hoffmann!“ - „Ach, der! Von ihm sagt man ja, er sei mit der gräflichen Kasse durchgebrannt, und kein Mensch weiß, wohin.“ – „Ach, das ist mir neu!“ – Für mich als stillen Zuhörer war das die Geburtsstunde für meine Abhandlung.

Was folgte, war eine Spurensuche – wie in der Genealogie. Man versucht, die Lebensdaten einer Person mit Leben zu erfüllen. Und je mehr ich in den verschiedensten Archiven – von Berlin über Wiesbaden, Darmstadt, Marburg, Stuttgart, München, Nürnberg und „last but not least“ Frankfurt beim Institut für Stadtgeschichte – recherchierte, umso mehr faszinierte mich dieser Justizrat.

Es gehörte schon viel Mut dazu, in den Jahren nach den Befreiungskriegen (1792 – 1815) einen Bund zu gründen, in dem sich die Mitglieder über zukünftige Verfassungen unterhielten, obwohl die Fürsten auf Betreiben Metternichs sich nicht an ihre eigenen Versprechungen hielten, Verfassungen zu erlassen, und zur Restauration zurückkehrten. Und kurz vor den berüchtigten Karlsbader Beschlüssen tritt ein Mann auf, der in der Zeitschrift Nemesis 1817 den Satz formulierte:

„Schaffet Kraft und Muth in euren Völkern, indem ihr sie durch Vertrauen ehret; indem ihr ihnen Verfassungen gebet, die auf reine nicht überspannte Würdigung der Menschheitsrechte gegründet sind; indem ihr ihnen diese durch wohlgeordnete, freie Volksvertretung verbürget!“

Und damit garantierte er den Machthabenden der damaligen Zeit, dass Deutschland unter diesen Voraussetzungen nie eine Revolution haben würde. Dieser Satz ist das politische Glaubensbekenntnis des Justizrates Dr. Karl Hoffmann. Erinnern Sie sich bitte an den Artikel 1 unseres heutigen Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen, ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

»Das Leben des Rödelheimer Justizrats Hoffmann endete 1829 angeblich mit einem Selbstmord, indem er sich mit zwei Dolchen 15-mal in den Hals gestochen haben soll.«

Sie, verehrter Leser, werden fragen, was ist denn nun wahr an dem eingangs erwähnten Gerücht. Einfach gar nichts. Das Gerücht löste sich in Schall und Rauch auf. Allerdings war Hoffmann am Ende seines Lebens in der Tat überschuldet. Ein späterer Frankfurter Oberbürgermeister (Dr. Philipp Friedrich Gwinner) meinte: „Er scheiterte an dem Fehler so vieler edler Naturen – an zu grossem Ehrgeize. Diesem opferte er sein Vermögen und auf seine politischen Bestrebungen übte derselbe nicht unbedeutenden Einfluss.“

Kurz nach seinem Tod 1829 wurde ein Nachlasskonkursverfahren über ihn eröffnet. Einige Jahre später, 1837, starb im Darmstädter Gefängnis nach gleicher Art der Butzbacher Pfarrer Friedrich Ludwig Weidig, der Mitherausgeber von Georg Büchners „Hessischem  Landboten“. Beide hatten denselben Untersuchungsrichter: Jakob Konrad Georgi.

Hoffmanns politisches Erbe ist höher zu bewerten, und das sollte im Vordergrund aller Betrachtungen stehen! Sein Eintreten für die Einigung Deutschlands – zunächst unter der Führung Preußens – war zugleich für ihn Anlass genug, aufgrund der reaktionären Haltung der Machthabenden, für die Demokratie einzutreten und darin die allgemeinen Menschheitsrechte einzufordern, wie sie bereits in der „Bill of Rights“ in der amerikanischen Verfassung und den „Droits des Hommes“ in der französischen Verfassung verankert waren – ein Ergebnis der in den Jahren zuvor aufgekommenen geistigen Aufklärungsbewegung. Karl Hoffmann, der Mann aus Rödelheim, schloss sich diesen Gedanken der Aufklärung an. Ihm ist es zu verdanken, dass wesentliche Elemente, die heute absolute Maximen unserer freiheitlich-demokratischen Ordnung sind, frühzeitig formuliert und postuliert wurden.

Die Rödelheimer können stolz auf ihn sein. Ihr Justizrat Dr. Karl Hoffmann ist ein vergessener deutscher Patriot.

Hans Dieter Schneider

Hans-Dieter Schneider, geboren 1940 in Dortmund, seit fast 50 Jahren in Frankfurt wohnhaft und seit rund 25 Jahren als Ahnenforscher in vielen Archiven Deutschlands unterwegs, war bis zum Renteneintritt Betriebsprüfer in der Wirtschafts- verwaltung. Er ist langjähriges Mitglied der Arbeitsgemeinschaft mitteldeutscher Familienforscher (AMF) und des Heimat- und Geschichtsvereins Rödelheim und unterstützt hier sowie in diversen Ahnenforscherkreisen auch die Forschungen zu anderen Stammbäumen.

Veröffentlichungen:

· Sechs Generationen Müllergewerbe in Sachsen. Die Familie Curth als Besitzer der Zöllnersmühle bei Leisnig 1688–1841.

· Die Ahnengemeinschaft von Präsident Hoover.

· Der Hexenprozeß in Lemgo und Detmold gegen den „Peinlich Angeclagten“ Obristlieutenant Johann Abschlag in den Jahren 1654 – 1666.

· Justizrat Dr. Karl Hoffmann (1770–1829) – Ein Vordenker der freiheitlich demokratischen Verfassung.

· Herausgeber des Buches von Detlef Papsdorf (†), Die Auswanderung der preußischen Alt-Lutheraner nach Australien mit Pastor Gotthard Daniel Fritzsche. Briefwechsel von 1804–1902.

· Transkription des Wiedenbuches von Kiebitz 1522–1552 (Kirchenrechnung).

 

Quelle: Bürger, die Geschichte schreiben (Band II - Dezember 2014)