Orte der Revolte: Frankfurt am Main 1965 – 1980

von Norbert Saßmannshausen

Das Projekt hatte das Ziel, ein „Adressbuch der Revolte“ zu erstellen und die vielfältigen Momente der gesellschaftlichen Debatten und Konflikte der damaligen Zeit in Frankfurt sichtbar zu machen. In diesem langen „Roten Jahrzehnt“ (Gerd Koenen) gab es nicht nur Demonstrationen, Straßenkämpfe und Dutzende linksradikale Organisationen. Entstanden ist auch eine Infrastruktur, die heute vergessen ist, aber auch die Alltagskultur wie selbstverständlich mitbestimmt.

Plakat aus dem Projekt. Fotos: privat


Der Historiker begibt sich auf die Suche nach dem ersten Bioladen und den besetzten Häusern im Westend, nach Verlagen, Zeitschriften und linken Buchläden. Neben Organisationen der damaligen Zeit sollten Veranstaltungsorte, Zentren und Kneipen sowie Wohngemeinschaften Aufnahme im „Adressbuch der Revolte“ finden – möglichst mit zeitgenössischen Dokumenten und Fotos, ergänzt um beschreibende Texte und Aussagen von Zeitgenossen.

Das Projekt erscheint als Internetseite unter der Adresse www.orte-der-revolte.de. Das dort gezeigte Ergebnis versteht sich durchaus als Zwischenergebnis, als work in progress. Ein guter Überblick ist aber schon jetzt erreicht. Noch konnten einige der mit Zeitzeugen geführten Gesprächen nicht ausgewertet werden, weitere Gespräche sind geplant.

Bislang gab es zwei öffentliche Veranstaltungen zu den Ergebnissen des Projekts: Am 12. Mai 2016 fand ein Vortrag mit dem Titel „Freistaat Bockenheim oder Als Frankfurt einmal die Hauptstadt der Revolte war“ statt. Eine ähnliche Veranstaltung folgte am 7. September 2016 im Club Voltaire. Im Juni 2017 fand eine Veranstaltung gemeinsam mit dem AStA der Goethe- Universität zum 50. Jahrestag des Todes von Benno Ohnesorg statt, auf der auch über das nahezu unbekannte Projekt eines Frankfurter Ohnesorg-Denkmals berichtet wurde. Zu dieser „Entdeckung“ wurde eine kleine Broschüre erstellt.

»Entstanden ist in dieser Zeit auch eine Infrastruktur, die heute vergessen ist, aber auch die Alltagskultur wie selbstverständlich mitbestimmt.«

Seit Herbst 2015 wurden die Recherche-Ergebnisse auch bei sieben Stadtführungen vorgestellt. Eine von Norbert Saßmannshausen durchgeführte Tour „Auf den Spuren der Revolte“ wurde von einem Filmteam des HR begleitet und in einem Beitrag in der Hessenschau dokumentiert.

Zeitzeugen der Revoltejahre wurden als Gäste in der Radio-X-Sendung von Norbert Saßmannshausen (Kulturmagazin Denknomaden, monatlich eine Stunde) vorgestellt (u. a. Rudolf Sievers, Albert Sellner). 

Eine Buchveröffentlichung ist für das Frühjahr 2018 geplant. Ihr Arbeitstitel lautet „Von AZ (Andere Zeitung) bis zum Freistaat Bockenheim. Orte der Revolte in Frankfurt 1965 – 1980“.

Für den Stadtteil-Historiker waren die eigenen Erinnerungen (er zog 1972 nach Frankfurt) eine Ausgangsbasis. Die Durchsicht von Zeitschriften (beispielsweise die ersten Jahrgänge des Pflasterstrands, der Anderen Zeitung, der Hauptwache), die Durchsicht von Archivmappen und Dokumentenordnern im Institut für Stadtgeschichte und im Universitätsarchiv der Goethe-Universität waren für die Gespräche mit Zeitgenossen von großer Bedeutung – die haptische Präsentation von Dokumenten (wie der offiziellen Bestätigung der Mitgliedschaft im SDS) half den Zeitzeugen, die Erinnerungen lebhafter zu rekonstruieren. Norbert Saßmannshausen stand aber auch vor nicht erwarteten Schwierigkeiten: Über viele der „angedachten“ Orte gibt es bislang keine Literatur, auf die sich ein (Stadtteil-)Historiker stützen könnte: Es gibt keine Geschichte des Frankfurter SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund),  keine  Geschichte  des  RK  (Revolutionärer  Kampf), keine  Geschichte  des  Pflasterstrands,  keine  Geschichte  des Club Voltaire, keine Geschichte des Gallus-Zentrums usw.

Auch wenn dieser Mangel manchmal fast schmerzhaft empfunden wurde – die Entdeckerfreude war bei seiner Forschungsarbeit ein steter Begleiter.

 

Norbert Saßmannshausen

Geboren 1949. Seit 1972 in Frankfurt lebend. Studium: Staatlich geprüfter Betriebswirt. Tätigkeiten als Betriebswirt (Hessischer Rundfunk), Geschäftsführer beim Bund Deutscher Pfadfinder und selbständiger IT-Berater.

Politische Sozialisation: In der Sauerländer Provinz aktiv in der Gewerkschaftsjugend (Vorsitzender des DGB-Kreisjugendausschusses), Mitglied in einer trotzkistischen Gruppe. Ab 1974 in Frankfurt „Übertritt“ zum Sozialistischen Büro, dort in der Frankfurter Gruppe aktiv.

Seit 1999 intensivere Anläufe, die Vorgeschichte und die Geschichte des eigenen politischen Engagements im Kontext der Zeitgeschichte, der linken Organisationsversuche und alternativer Projekte der 60-er und 70-er-Jahre zu dokumentieren und zu verstehen.

Ausstellung zum 30. Todestag von Hans-Jürgen Krahl im Jahr 2000 in der Denkbar in der Frankfurter Schillerstraße und seitdem Aufbau des Hans-Jürgen Krahl Archivs, gemeinsam u. a. mit Udo Riechmann, und (erfolgreiche) Initiative zum Erhalt der Grabstelle von Hans-Jürgen Krahl in Hannover.

Publikation: „Hans-Jürgen Krahl. Eine biographische Skizze“ in: Hans-Jürgen Krahl, „Konstitution und Klassenkampf" (Frankfurt, 2008).

Aktivitäten zur Geschichte des Stadtteils Bockenheim: Ausstellung zur Sanierung Bockenheims 1979 –1994.

 

Quelle: Bürger, die Geschichte schreiben (Band III - November 2018)