Villa Beit von Speyer: ein Beispiel der Arisierung von Immobilien jüdischer Eigentümer durch die Stadt Frankfurt am Main

von Dieter Wesp

Im Jahr 1901 baut der Bankier Eduard Beit mit seiner Ehefrau Lucie, geborene Speyer, eine prächtige Villa im Sachsenhäuser Westen. Von 1937 an nutzt das Kaiser-Wilhelm-Institut für Biophysik das Haus mit dem großen Grundstück, das mittlerweile der Stadt Frankfurt gehört. Das Institut ist in die Kriegsforschung mit Strahlungswaffen eingebunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg geht die wissenschaftliche Arbeit mit altem Direktor und neuem Namen als Max-Planck-Institut für Biophysik weiter. Nach dem Umzug des Instituts an den Riedberg veräußert die Stadt die Immobilie an einen privaten Investor, der unter Einbezug der historischen Villa ein Hotel anbaut.

Eduard Beit von Speyer mit Enkelkind Charlotte 1927. Foto: Privatbesitz Burin


Der genaue Verlauf dieser Geschichte war bis zum Beginn meiner Forschungen entweder unbekannt oder falsch dargestellt: Das Haus war vom Denkmalamt auf 1904/05 datiert, Bauherr sollte Georg Speyer gewesen sein und das Gebäude durch eine Schenkung Franziska Speyers an die Stadt gekommen sein.

Die Auswertung von Adressbüchern und Stadtgrundkarten klärte die Baugeschichte, die Eigentümer und die zeitliche Datierung. Die Akten des Bauamts und des Hauptstaatsarchivs belegten den Ablauf der Arisierung und die spätere Entschädigung.

»Der genaue Verlauf dieser Geschichte war bis zum Beginn meiner Forschungen entweder unbekannt oder falsch dargestellt.«

An der Villa Beit von Speyer lässt sich exemplarisch belegen, wie sich die Stadt Frankfurt aktiv in die Arisierung von Immobilien jüdischer Eigentümer einschaltete: Andere Käufer außer der Stadt wurden ausgeschlossen, und es wurde nur ein Bruchteil des tatsächlichen Wertes als Kaufpreis bezahlt. Nach dem Krieg wurde die Rolle der Stadt bagatellisiert und die Entschädigung hatte eher symbolischen Charakter. Durch späteren Verkauf der Immobilien erzielte die Stadt eine hohe Rendite. 

Bisher sind diese Vorgänge – die Villa Speyer ist nur eines von circa 170 Gebäuden und Grundstücken, die in den Besitz der Stadt kamen – nicht vollständig wissenschaftlich aufgearbeitet. Im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt befindet sich eine 14-seitige Aufstellung von 1945 mit allen zwischen 1933 und 1945 in den Besitz der Stadt gelangten Grundstücken und Immobilien aus jüdischem Besitz. Diese Liste ist in meinem Buch „Villa Kennedy: Wohnhaus, Forschungslabor, Luxushotel“ 2017 erstmals publiziert. Weitere Forschungen müssen folgen, um diese Lücke in der Frankfurter Geschichtsschreibung zu schließen.

Dieter Wesp

Geboren 1953 in Erzhausen bei Darmstadt. Lehre als Chemielaborant bei den Farbwerken Hoechst, zweiter Bildungsweg, Abitur auf dem Hessenkolleg Frankfurt am Main, Zivildienst, Studium der Erziehungswissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt, Abschluss Diplom. Berufliche Tätigkeiten an der Hessischen Erwachsenenbildungsstätte Falkenstein im Taunus. Von 1991 bis 2012 beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt am Main. Leiter der Onlineredaktion.

Arbeitsschwerpunkte seit 2012: Die Geschichte des Frankfurter Kanu-Vereins von 1913 (Broschüre). Vom Jahrhundertsommer zum Steckrübenwinter – Frankfurt und der Erste Weltkrieg. Gisèle Freunds Fotografien zum 1. Mai in Frankfurt am Main. Hans und Grete – Die Geschwister Leistikow als Gestalter des Neuen Frankfurt (mit Rosemarie Wesp: Ausstellung und Katalog). 125 Jahre IG Metall Bezirk Mitte (mit Lothar Wentzel: Broschüre). „Arisierung“ jüdischer Immobilien durch die Stadt Frankfurt (Buch: Villa Kennedy). Netzwerk der Moderne – Der Sommer der Musik in Frankfurt am Main 1927.

 

Quelle: Bürger, die Geschichte schreiben (Band III - November 2018)