Vom Scherbenfund auf dem Affenstein zum Denk- und Erinnerungsmal für die erste Alzheimer-Patientin Auguste D.

von Rudolf Dederer

Mit Auguste D. beschäftige ich mich seit 2008. Damals wurde bei Ausschachtungsarbeiten auf dem Campus Westend der Goethe-Universität der Affenstein-Turm freigelegt. Der Historikerstreit, der um den Turm entbrannte (Warte der alten Stadtbefestigung vs. Eiskeller der ehemaligen Frankfurter Psychiatrie), veranlasste mich, mir den Fundort anzusehen.

Frankfurter Stadtplan von 1904 mit dem "Irrenschloss".


Ich sah nicht nur den Turm, sondern unmittelbar daneben einen enormen Scherbenhaufen. Er war aus dem Turm geborgen worden. So viele Scherben auf einem Haufen hatte ich noch nicht gesehen.

Das zerschlagene Geschirr stammte aus dem „Irrenschloss auf dem Affenstein“, der von Heinrich Hoffmann, dem „Vater“ des „Struwwelpeter“, 1859 – 1864 vor den Toren der Stadt auf dem Affensteiner Feld errichteten Frankfurter Psychiatrischen Klinik. Das „Irrenschloss“ wurde 1929 abgebrochen und das Gelände  planiert  der  I. G.-Farben-Industrie  übereignet.  Am 25. November 1901 war die aus Kassel stammende 51-jährige Auguste D., geb. H., in die Klinik aufgenommen worden. Der Oberarzt der Klinik, Dr. Alois Alzheimer, diagnostizierte an ihr die später nach ihm benannte Krankheit. In der 1995 wieder aufgefundenen Krankenakte hatte er seine Beobachtungen an der Patientin minutiös protokolliert. Von der Alzheimer-Krankheit sind heute in Deutschland schätzungsweise 60 Prozent der circa 1,6 Mio. Demenzkranken betroffen.

Mit den 2008 zutage geförderten Scherben assoziierte ich sowohl „Alzheimer“, die „Krankheit des Vergessens“, als auch die Patientin Auguste D. Für mich war hier nicht nur ein Stück Medizin- und Frankfurt-Geschichte sichtbar geworden, sondern auch ein Einzelschicksal. Auguste D. war zwar nicht Subjekt der Geschichte gewesen wie Alois Alzheimer, sie hatte nicht wie dieser aktiv gehandelt, sondern ihr Schicksal bloß erlitten, aber ohne sie hätte Alzheimer seine medizingeschichtlich bedeutsame Entdeckung nicht machen können. Wenn auch die Begegnung des forschenden Arztes mit seiner Patientin nur zufällig war, so sind doch die Biografien der beiden eng miteinander verknüpft. Auguste D. hat es deshalb verdient, wie Alzheimer als Person der Geschichte eigenständig wahrgenommen und in Frankfurt mit einem Denkmal gewürdigt zu werden.

»Auguste D. hat es verdient, wie Alzheimer als Person der Geschichte eigenständig wahrgenommen und in Frankfurt mit einem Denkmal gewürdigt zu werden.«

Einen ersten „Anlauf“ dazu habe ich mit meiner Installation „Denk mal an Auguste – Scherben der Erinnerung“ unter Verwendung von Originalscherben aus dem Affenstein-Turm unternommen, die seit März 2016 im Frankfurter Gesundheitsamt einen dauerhaften Ausstellungsplatz gefunden hat.

Meine Recherchen zur Biografie von Auguste D. habe ich in einer sogenannten Biografischen Erzählung zusammengefasst. Sie vollzieht den Tag nach, an dem Auguste D. in Begleitung ihres Ehemanns von ihrer Wohnung in Sachsenhausen aus den Weg zur Klinik auf dem heutigen Campus Westend der Goethe-Universität antritt. Die Erzählung hat den Titel „Frankfurt am Main, 25. November 1901 Vormittags 10 1/2 Uhr“.

2017 hat sich die Goethe-Universität dafür gewinnen lassen, auf ihrem Campus Westend, ziemlich genau dort, wo das „Irrenschloss“ stand, ein Erinnerungsmal für Auguste D. zu errichten. In enger Zusammenarbeit mit mir hat daraufhin der Künstler Bruno Feger eine moderne Skulptur aus verzinktem Stahl geschaffen, die den Titel „Haus der Winde“ trägt. Die Skulptur ist am 5. Juli 2018 feierlich an die Universität übergeben worden. So ist nach gut 10 Jahren der Beschäftigung mein Projekt eines Denkmals für Auguste D. in Frankfurt ans Ziel gekommen.

Rudolf Dederer

Jahrgang 1938, Jurist. Geboren ist er in Frankfurt am Main, genauer gesagt im Westend. Undeutliche Bilder vom Palmengarten und dem Grüneburgpark, wo er mit seinen Geschwistern spielte, gehören zu seinen frühesten Erinnerungen an Frankfurt. Kindheit und Jugend verbrachte er im Wesentlichen in der Praunheimer Ernst-May-Siedlung. 1956 konnte die Familie wieder in das bis dahin von der amerikanischen Militäradministration beschlagnahmte Haus im Westend einziehen.

Er war über 30 Jahre in Frankfurt bei einem Bundesverband von Sozialversicherungsträgern tätig. Seit 2001 genießt er den Ruhestand.

Nach Jahrzehnten an anderen Frankfurter Adressen – in der Nordweststadt, dem Nordend, dem Ostend – kehrte er schließlich ins Westend zurück. Er fühlt sich mit diesem Stadtteil aufs engste verbunden. Deshalb ist er Mitglied der Aktionsgemeinschaft Westend (AGW), einer der ältesten noch bestehenden Bürgerinitiativen, die kritisch die Maßnahmen von Stadtplanungsamt und Bauaufsicht im Stadtteil begleitet. Über mehrere Jahre war er ihr stellvertretender Vorsitzender. Im Bürgerinstitut mit Sitz im Rothschildpark beteiligt er sich ehrenamtlich als Vorleser an einem Literaturprojekt für Senioren.

Informationen rund um sein Stadtteil-Historiker-Projekt hat er auf www.denkmalanauguste.de zusammengestellt.

 

Quelle: Bürger, die Geschichte schreiben (Band III - November 2018)