Von der Abwasseruntersuchung zur Umweltanalytik: das städtische Analysenlabor in Frankfurt-Niederrad

von Udo Heitzmann

Die ersten Untersuchungsergebnisse des Frankfurter Abwassers liegen aus dem Jahr 1887 vor. Das Tiefbauamt Frankfurt hatte den Chemiker Dr. B. Lepsius beauftragt, den Einfluss der 1887 in Betrieb genommenen Kläranlage auf die Mainwasserqualität zu ermitteln und ein geeignetes Fällungsmittel für die chemische Reinigungsstufe zu finden. Die Analysen wurden in den Laboratorien des Physikalischen Vereins in der Stiftstraße durchgeführt.

Das alte Labor in Niederrad. Foto: Sammlung Udo Heitzmann


1902 bis 1904 wurde die Kläranlage erweitert und ein Betriebsgebäude mit einem Labor errichtet, „das für chemische, biologische und bakteriologische Untersuchungen aufs beste eingerichtet ist“, wie es damals hieß. Für die Untersuchungen wurde 1905 der Chemiker Josef Tillmans eingestellt. Er war es, der erstmals die Messung des Sauerstoffgehalts im Mainwasser veranlasste.

1909 verließ Tillmanns das Tiefbauamt, wurde Abteilungsvorsteher im städtischen hygienischen Institut und später Direktor des Nahrungsmitteluntersuchungsamtes, das die „Untersuchungen für die städtischen Dienststellen und Gesellschaften …“ übernahm. Dazu gehörte: „Kanalverwaltung: Überwachung der Abwässer und des Schlammes“. Infolge dessen verwaiste das Labor auf dem Gelände der Kläranlage über Jahrzehnte.

Die Verlagerung der Abwasseruntersuchungen in das Laboratorium des Nahrungsmitteluntersuchungsamtes war für mich eine überraschende Entdeckung. Genauso überraschend wie die Erkenntnis, dass neben den regelmäßigen Untersuchungen über die „Klärwirkung“, den „Dungwert“ von Klärschlamm und die Ursachen der Geruchsbelästigung im Jahresbericht 1925 des Nahrungsmittelun- tersuchungsamtes als Aufgabe genannt wird: „Für die Kanalverwaltung wurden häufig Abwasserproben untersucht. Meist handelte es sich um die Feststellung, ob die von gewerblichen Betrieben in das Kanalnetz eingeleiteten Abwässer dem Kanal nicht zu schaden vermögen.“ – Das bedeutet: Die Anfänge der „Abwasserüberwachung“ in Frankfurt liegen bereits um 1920.

»,Hightech‘, verborgen hinter den mehr als 100 Jahre alten Steinmauern eines mit Jugendstilelementen und Wassertürmchen geschmückten Betriebsgebäudes – auch das ist Frankfurt-Niederrad.«

Im Jahr 1955 kehrten die Abwasseruntersuchungen an den Ort zurück, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts dafür vorgesehen war: in das Betriebsgebäude der Kläranlage. Dr. Waldmann, ein neu eingestellter Mitarbeiter des Stadtentwässerungsamts, baute dort wieder ein Labor auf, dessen Schwerpunkt zunächst Abwasseruntersuchungen für die Gewinnung von Planungs- und Betriebsdaten für eine neue Kläranlage waren.

Aber auch:

· die Kontrolle von Frankfurter Kleinkläranlagen und der Kläranlagen stadteigener Kindererholungsheime

· die Analyse von Wasserproben der Nidda, wenn ein Fischsterben gemeldet wurde

· die Untersuchung von Grundwasser auf betonaggressive Eigenschaften und die Untersuchung von Industrieabwasser auf schädigende oder gefährliche Eigenschaften

· die Ermittlung der Belastung von Fließgewässern im Stadtgebiet von Frankfurt

· die Untersuchung von Schlamm- und Sedimentproben aus Stadtweihern, Nidda-Altarmen und Grabensystemen oder von Bodenproben, Aschen, Abfällen, um für diese Materialien Entsorgungsmöglichkeiten zu finden

· die Untersuchungen bei Störfällen.

Manchmal interessierte sich ein Ortsbeirat oder ein Anwohner für den Zustand „seines“ Baches im Stadtteil. Das führte dann zur Bearbeitung von Anfragen wie: „Warum ist so viel Schaum auf der Nidda?“ oder „Wie ist die Gewässergüte des Urselbachs?“

Was hat sich geändert? – Die ersten Abwasseruntersuchungen dienten dazu, die Reinigungsleistung der städtischen Kläranlage zu ermitteln und den Einfluss des geklärten Abwassers auf den Main festzustellen. Hierfür wurden „Oxidierbarkeit“, „Glühverlust“, „suspendierte Stoffe“ und verschiedene Stickstoffverbindungen analysiert. Mithilfe dieser Messwerte ließen sich die Beeinträchtigung der natürlichen Selbstreinigung, die Verschlammung der Ufer und das Auftreten von Fäulnis in langsam fließenden Gewässerabschnitten erklären und verhindern.

Im Verlauf der Industrialisierung gelangten Tausende neuer Substanzen über das Abwasser in die Gewässer oder kontaminierten als Altlast Grundwasser und Boden. Nun waren nicht nur die sauerstoffzehrenden Folgen von vorwiegend städtischem Abwasser zu erfassen, sondern verschiedene Wässer und Feststoffe

a) auf giftige Einzelsubstanzen

b) auf Stoffe, die sich in tierischen und pflanzlichen Organismen anreichern

c) auf Verbindungen, die über das Abwasser in die Atmosphäre gelangen, oder

d) auf Produkte, die die Trinkwasserversorgung gefährden können zu untersuchen.

Die Einzelstoffanalytik wurde ausgebaut, die Bestimmungsgrenzen in niedrigere Bereiche verschoben, aber auch die Analytik selbst durch den Einsatz geringerer Chemikalienmengen und die Substitution giftiger Reagenzien umweltfreundlicher.

Udo Heitzmann

Nachdem ich 1974 am Hessenkolleg Wetzlar über den Zweiten Bildungsweg das Abitur nachgeholt hatte, verlegte ich meinen Wohnsitz nach Frankfurt. Ich hatte mich entschieden, wie einige wenige Kollegiaten, nicht zu studieren, sondern in den „alten“ Beruf zurückzukehren.

So arbeitete ich dann – einige Jahrzehnte (!) länger als beabsichtigt – von 1974 bis 2012 als Chemotechniker im Labor des Stadtentwässerungsamts, später des Umweltamts, in Frankfurt-Niederrad im Bereich der chemischen Analytik von Abwasser, Schlamm, Boden, Altlasten, Grundwasser und so weiter.

Im Verlauf von Renovierungsarbeiten des Laborgebäudes kamen alte Akten zutage, die längst hätten entsorgt werden können. Ich entschloss mich, sie erst einmal zur Seite zu legen …

Ein Hinweis auf das Stadtteil-Historiker-Projekt war dann der Auslöser dafür, diese Unterlagen – ergänzt durch eigene, langjährige Aufzeichnungen, ergänzt durch meine Erinnerungen, ergänzt durch zahlreiche Besuche in verschiedenen Archiven und Bibliotheken – zu nutzen und das Thema „Von der Abwasseruntersuchung zur Umweltanalytik“ zu bearbeiten.

 

Quelle: Bürger, die Geschichte schreiben (Band II - Dezember 2014)