Zuversicht und Stärke

von Michael Martell

Als ich 2012 in der Frankfurter Neuen Presse erstmals von den Stadtteil-Historikern las, bewarb ich mich spontan mit meiner Projektidee zur fünfzigjährigen wechselvollen Geschichte der Festeburggemeinde und ihrer Kirche im Frankfurter Stadtteil Preungesheim. Unter dem Titel „Zuversicht und Stärke“ wollte ich Zeitzeugen, Gemeindemitglieder und Preungesheimer Bürger erzählen lassen: als Autoren, in Gesprächen und mit Interviews.

Vater Paul (links) und Sohn Volker Stein (rechts) waren beide langjährige Kirchenvorstandsvorsitzende der evangelischen Festeburggemeinde. Foto: Michael Martell, 2013


Es war meine Absicht, ihre Geschichten zu bewahren, ihren Erinnerungen Stimme und Gesicht zu verleihen und ihre Erlebnisse erfahrbar zu machen. 

2012 kämpfte die Gemeinde bereits seit vier Jahren mit viel Zuversicht und Stärke um ihre Existenz und den Erhalt ihrer einzigartigen, weit über die Grenzen Frankfurts hinaus bekannten und von vielen sehr geschätzten Konzert-Kirche aus den sechziger Jahren. Und das ausgerechnet zu Zeiten des 500. Festeburgkonzerts, der 100. kirchenmusikalischen Matinée und angesichts des anstehenden 50. Gemeindejubiläums, das 2013 begangen werden sollte.

Aus meiner Idee wurde ein Projekt. Als Stadtteil-Historiker wollte ich bis Mitte 2013 – zum 50. Jubiläum der Gemeinde – 50 Festeburg-Geschichten aus der Gemeinde und dem Stadtteil dokumentieren und veröffentlichen. Eigene Erinnerungen, Unterlagen und Aufzeichnungen sowie eine Festschrift zur Einweihung der Kirche aus dem Jahr 1968 lieferten wichtige erste Anhaltspunkte zu Zeitzeugen der ersten Stunde. 

»Es entstand ein geschichtliches Kaleidoskop teils sehr persönlicher Aussagen, die ich so nicht erwartet hatte.«

Weitere Recherchen erschlossen mir ehemalige Pfarrer und Kirchenvorstandsmitglieder sowie hauptamtliche Mitarbeiter und Ehrenamtliche aus fünf Jahrzehnten. Heute Aktive und Anwohner erwiesen sich als sehr kooperativ. So entstand eine Liste von über 100 Personen, von denen ich mir interessante und spannende Festeburg-Geschichten versprach.

Aus dem Projekt wurden Geschichten. Es wurden – aus Zeitgründen – keine 50 Geschichten, wohl aber über 20. Darunter sind handgeschriebene Zeitzeugnisse, die teils schon in den dreißiger Jahren beginnen: so die Geschichte einer Autorin, die sich spontan weigerte, überhaupt etwas zu Papier zu bringen und die dann als erste „lieferte“; persönliche Rückblicke von bedrückender, individueller Betroffenheit und Aktualität, die längst Vergessenes wieder zutage förderten; Video-Interviews, die emotional berührende, persönliche Äußerungen ermöglichten, wenn sie vom Frage-Antwort-Muster abwichen und ins Erzählen abschweiften.

Erwartet hatte ich auch nicht, dass dieses Projekt mit dazu beitrug, für die Jubiläumsfeier der Gemeinde Ende Juni 2013 viele Zeitzeugen wieder an den Ort ihres früheren Schaffens und Handelns zurück und ins Gespräch miteinander zu bringen.

Veröffentlicht wurden mein Projekt und die Geschichten bisher in der Frankfurter Neuen Presse, im Rahmen der Ausstellung der Stadtteil-Historiker im April 2014 vor der Frankfurter Hauptwache, bei Veranstaltungen in Preungesheim und in regelmäßiger Folge im Gemeindebrief. Für mich ist das erst der Anfang des Projekts. Ich werde es bis zum 50. Jubiläum der Festeburgkirche im Jahr 2019 fortführen. Die Kulturkirche ist heute denkmalgeschützt und bis auf Weiteres bestandsgesichert. Und sie strahlt mit ihrem neuen Logo wieder neue Zuversicht und Stärke aus.

Michael Martell

Michael Martell, Jahrgang 1954, lebt seit Anfang der sechziger Jahre, heute mit seiner Frau Roswitha und zwei Töchtern, in Preungesheim in unmittelbarer Nähe der Festeburgkirche. An der Goethe-Universität studierte er Germanistik und Geschichte. Seine Frau ist im Kirchenvorstand der Gemeinde aktiv, er engagiert sich im Vorstand des Fördervereins für die Festeburgkirche und für die Festeburgkonzerte. Die Martells erhielten 2013 den Bürgerpreis der Stiftung der Frankfurter Sparkasse.

Der Erhalt der Festeburgkirche ist ihm auch ein persönliches Anliegen, denn er gehört zu dem Jahrgang, der im Juli 1969 als erster bei der Einweihungsfeier in der nagelneuen Kirche konfirmiert wurde. Gemeinde, Kirche und der „Jugendkeller“ boten seiner und späteren Teenager-Generationen einen einzigartigen Freiraum im Stadtteil.

Durch das Stadtteil-Historiker-Projekt – die professionelle Begleitung und Unterstützung der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, die geschichtswissenschaftlichen Workshops, die Treffen und den regelmäßigen Austausch mit anderen Stadtteil-Historikern sowie die kenntnisreiche, engagierte und sympathische „Anleitung“ von Dr. Oliver Ramonat und Dr. Katharina Uhsadel – hat er über 30 Jahre nach seinem „angestaubten Geschichtsstudium“ ein modernes Geschichtsverständnis und eine neue Generation von Historikern kennengelernt. Das hat ihn für sein Projekt zusätzlich motiviert. Deshalb betrachtet er das Projekt mit dem Ende seiner Zeit als aktiver Stadtteil-Historiker keineswegs als abgeschlossen.

 

Quelle: Bürger, die Geschichte schreiben (Band II - Dezember 2014)