Das ehemalige Landmaschinenunternehmen Philipp Mayfarth & Co. Frankfurt mit seinen jüdischen Direktoren Samuel und Leo Moser

von Ulf Ludßuweit

Ph. Mayfarth & Co., einst ein Inbegriff für qualitativ hochwertige Landmaschinen aus Frankfurt, ist heute fast in Vergessenheit geraten. Unter Leitung des visionären Mitbegründers Samuel Moser erlangte das Unternehmen seinen guten Ruf über die Grenzen des damaligen Deutschen Kaiserreiches hinaus. Neben Zweigstellen im Inland war Mayfarth auch mit Niederlassungen in London, Paris, Wien, Mailand und Moskau vertreten.

Ehemaliges Montagegebäude Orber Straße 4. Foto: Ulf Ludßuweit, 2008


1912 feierten die jüdische Inhaberfamilie Moser und 1407 Arbeiter und Angestellte in den Werken Frankfurt und Wien das 40-jährige Jubiläum.

Gegründet wurde Ph. Mayfarth & Co. am 4. April 1872 durch den Frankfurter Kaufmann Philipp Mayfarth und den jüdischen Unternehmer Samuel Moser. Zunächst wurde das Unternehmen als Handelsgesellschaft für importierte Landmaschinen im Baumweg 7 in Bornheim (damals „bei“ Frankfurt) geführt. Zur Reparatur der Sä-, Ernte- und Dreschmaschinen wurde bald eine Werkstatt auf dem Gelände errichtet. Zum 1. Februar 1875 verließ der Namensgeber Philipp Mayfarth das Unternehmen, und Samuel Moser wurde alleiniger Inhaber. Mit seinem außerordentlichen Verkaufsgeschick erschloss er neue Absatzgebiete in der ostpreußischen Landwirtschaft und gründete 1877 in Insterburg die erste Zweigstelle. Der Weg zum Frankfurter Industrieunternehmen wurde 1881 mit dem Kauf eines circa 3.000 Quadratmeter großen Werksgeländes an der Hanauer Landstraße eingeschlagen. In dieser ersten Fabrik begann die eigene Produktion von Häcksel- und kleinen Dreschmaschinen. Um auch die Gussteile zur Montage der Maschinen selber herstellen zu können, wurde Anfang 1887 nahe der Galluswarte die erste eigene Eisengießerei angefeuert. Für den Vertrieb und Reparaturen entstanden weitere Zweigstellen in Posen, Osnabrück, Berlin, Breslau, Leipzig und Köln.

Die erste Auslandsniederlassung wurde Ende 1881 in Wien eröffnet. Zur Deckung der Nachfrage nach Mayfarth Landmaschinen in Österreich wurde dort 1896 ein zweites Werk errichtet.

1906 wurde das Frankfurter Handelskontor in die Hanauer Landstraße 8 verlegt und die Liegenschaft Baumweg 7 zur Einrichtung eines jüdischen Kindergartens gestiftet. Auch die wachsende Produktion verlangte nach mehr Raum, und so wurde 1910 ein ganz neues und großzügig angelegtes Werk im Gewerbegebiet Mainkur bei Fechenheim eingeweiht.

Der Erste Weltkrieg und der Ausschluss von den Weltmärkten brachten schwere Einbußen. 1915 spalteten sich die österreichische Niederlassung und das Wiener Werk vom Stammhaus ab. Durch den plötzlichen Tod Samuel Mosers am 4. Mai 1917 wurde sein Sohn Leo Moser zum alleinigen Inhaber von Ph. Mayfarth & Co. Frankfurt. Mit Ende des Ersten Weltkrieges gingen viele Zweigstellen im Inland und die restlichen Auslandsniederlassungen verloren.

»Ph. Mayfarth & Co., einst ein Inbegriff für qualitativ hochwertige Landmaschinen aus Frankfurt, ist heute fast in Vergessenheit geraten.«

Leo Moser konnte zwar den Fortbestand von Mayfarth mit neuen Absatzmärkten in Südamerika sichern, aber mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten kam der jüdische Unternehmer in Bedrängnis. Mit dem Verweis auf Verluste folgte im Januar 1936 auf Betreiben der Gläubigerbanken die Arisierung, und Leo Moser wurde aus seiner Firma ausgesperrt. Das Landmaschinenunternehmen  firmierte fortan unter dem neuen Namen Maschinenfabrik vormals Ph. Mayfarth & Co. GmbH. Zum 1. August 1938 wurde diese GmbH von der Frankfurter Maschinenbau AG vormals Pokorny & Wittekind übernommen und die Landmaschinenproduktion an andere Unternehmen verkauft.

In der Reichskristallnacht im November 1938 wurde Leo Moser verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes und wegen seiner Zustimmung zum Verkauf aller Liegenschaften konnte er nach Frankfurt zurückkehren. Unter schweren Auflagen gelang es ihm, Deutschland im September 1941 ab Berlin zu verlassen. Leo Moser verstarb am 24. Oktober 1960 in New York und hinterließ als Alleinerbin seine Frau Emmi Moser. Das Werk Mayfarth in der Mainkur bei Frankfurt-Fechenheim wurde Ende 1968 geschlossen.

Ulf Ludßuweit

Ulf Ludßuweit wurde 1973 geboren und ist aufgewachsen im niedersächsischen Wolfsburg. Der durch VW geprägten „Monotonie“ hat er versucht zu entfliehen und trat seine Ausbildung zum Büroinformationselektroniker in Braunschweig an. Dem Abschluss mit Auszeichnung folgte noch die Qualifizierung zum staatlich geprüften Elektrotechniker in der Fachrichtung Datenverarbeitung.

Nach dem erfolgreichen Abschluss der Technikerschule führte ihn sein beruflicher Werdegang nach Frankfurt am Main. Als EDV-Techniker im Außendienst in Banken und Verwaltungen wurde ihm seine Wahlheimat als moderne Finanzmetropole ein Begriff.

In Stadtführungen lernte er von den Römern bis zur mittelalterlichen Handels- und Messestadt interessante Plätze und deren Geschichte(n) kennen.

Aber ein richtiges Interesse an der Frankfurter Historie wurde erst durch Zufall über ein sehr schönes, in Backsteingotik errichtetes Fabrikgebäude in Fechenheim geweckt. Er war auf das Montagegebäude des ehemaligen Landmaschinenunternehmens Ph. Mayfarth & Co. gestoßen. Zur Verfeinerung seiner ersten Forschungsergebnisse über die wechselvolle Geschichte der Firma Mayfarth und ihrer jüdischen Direktoren Moser wurde er glücklicherweise in die sechste Staffel der Stadtteil-Historiker aufgenommen. In deren Treffen und Gesprächen, aus den Schreiben der vorherigen Generationen und den Veranstaltungen der Stiftung hat er viele weitere interessanten Facetten von Frankfurt und seinen Stadtteilen kennengelernt.

 

Quelle: Bürger, die Geschichte schreiben (Band III - November 2018)