Die Frankfurter Kleinmarkthalle im Wandel der Zeiten

von Dr. Sabine Berthold

„So ein Ort ist sonst nirgends“ – so beschreibt Eva Demski in der Zeitschrift Anneliese (2006) die einzigartige Atmosphäre und Lebendigkeit der Frankfurter Kleinmarkthalle, die am 29. März 2014 ihr 60-jähriges Jubiläum feierte. Zwischen Hasengasse und Liebfrauenberg gelegen, nur ein paar Schritte entfernt von der Frankfurter Zeil, befindet sich ein Stück Frankfurter Geschichte.

Von außen nicht auf den ersten Blick zu entdecken, bietet die Kleinmarkthalle im Innern eine Verbindung von Regionalität und Internationalität, die einzigartig ist: Von Montag bis Samstag laden über 60 Händler auf 1.200 Quadratmetern mit ihren frischen Lebensmitteln aus der Region und der ganzen Welt nicht nur zum Einkaufen, sondern zum Gespräch und Treffen ein.

Wer möchte, kann die kulinarischen Spezialitäten aus aller Welt und Frankfurter Originalgerichte an einem der Stände genießen oder auf der Weinterrasse mit Ausblick auf den Liebfrauenberg. Die Kleinmarkthalle ist mehr als ein überdachter Wochenmarkt, sie ist ein Stück Frankfurter Markt- und Kulturgeschichte.

Die Kleinmarkthalle zu entdecken ist zugleich eine Zeitreise. Viele Händler arbeiten hier bereits seit mehreren Generationen, es sind Familientraditionen und -geschichten, die mit diesem Ort verknüpft sind. „Als Kind habe ich im Keller der Kleinmarkthalle Ball gespielt“, erzählt Dieter Rudolph, der seinen Stand (Geflügel Dietrich) auf der Galerie von seinen Eltern übernahm und den Wandel der Konsumgewohnheiten  seismografisch  an  den  Wünschen  seiner  Kunden ablesen kann. Heute ist Kochen mehr und mehr Ausdruck eines Lebensstils, und die Kleinmarkthalle bietet dafür Produkte, die sich durch Qualität, Frische und Vielfalt auszeichnen.

Was sich nicht verändert hat in der Kleinmarkthalle, ist die persönliche Atmosphäre: „Die Kleinmarkthalle stellt einen Gegentrend zur Technisierung und Ökonomisierung dar. Hier steht die persönliche Begegnung im Mittelpunkt“, so beschreibt es Anja-Katharina Mänz vom Rollanderhof. Von der immer gut besuchten Weinterrasse sind es nur ein paar Schritte bis zur Galerie auf der Südseite, von der man einen guten Blick auf das Marktleben in der Kleinmarkthalle gewinnt. Auch die besondere Akustik in der Kleinmarkthalle, die ein wenig an die Geräuschkulisse in einer Schwimmhalle erinnert, ist von hier oben als Gesamtkunstwerk zu erleben.

Von diesem Standpunkt aus hat man auch die beste Sicht auf die in der Tradition von Bauhaus und Moderne stehende Architektur der Kleinmarkthalle, die 1954 von den Architekten Gerhard Weber und Günther Gottwald entworfen wurde. Die diagonal versetzte Konstruktion der Halle mit dem typischen Pultdach ist von dieser Perspektive aus gut zu erkennen, ebenso die verglaste Nordfassade, die unter Denkmalschutz steht.

Die architektonische Besonderheit der Kleinmarkthalle fasste Christoph Mohr vom Landesdenkmalamt in der Frankfurter Rundschau einmal so zusammen: „Der Raum mit der Empore vermittelt ein Hallen-Gefühl, er besitzt eine Großzügigkeit. Man kann von oben nach unten Kontakt halten – und umgekehrt. So entsteht die Verbundenheit einer Händler-Gemeinschaft“.

»Gemieß, Kardoffel und was noch all, des kriecht mer hier in dere Hall. Und owwe uff der Galerie, da möpselts nach Fromaasch de Brie.«

Friedrich Stoltze (1816 – 1891)

Märkte und Markthallen haben eine große Bedeutung für das öffentliche Leben und die Lebensmittelversorgung einer Stadt. Sie sind ein wichtiger Teil der Stadt-, Architektur- und Kulturgeschichte und gleichzeitig ein städtischer Identifikations- und Anziehungspunkt für Besucherinnen und Besucher aus aller Welt, wie die Beliebtheit der Frankfurter Kleinmarkthalle zeigt.

Dr. Sabine Berthold

Märkte und Markhallen prägen von jeher das Stadtbild und das kulturelle Leben. Das wird besonders an Frankfurt am Main und seiner Tradition als Handelsstadt deutlich. Als Stadtteil-Historikerin der Stiftung Polytechnische Gesellschaft habe ich mich in einer Art Zeitreise mit der Geschichte der Märkte und der Kleinmarkthalle in Frankfurt am Main in ihrer kulturhistorischen Bedeutung beschäftigt. Märkte und Markthallen haben einen Wandel vollzogen – von der Grundversorgung, die einst im Mittelpunkt stand, hin zu einem Ort, in dem die kulturelle und die soziale Dimension gleichermaßen im Zentrum stehen. Das Besondere an der Frankfurter Kleinmarkthalle ist, dass sie dabei nie zu einem bloß inszenierten Lifestyle-Ort geworden ist, sondern Tradition und Moderne, Regionalität und Internationalität in einer einzigartigen Weise verbindet. Gerade dass die Frankfurter Kleinmarkthalle in diesem einzigartigen Zusammenspiel erhalten wurde und wird – seit 2000 steht sie unter Denkmalschutz –, macht ihre Lebendigkeit aus. Dafür muss sie genau so bleiben, wie sie ist.

Dieses Projekt wurde im Rahmen des Projekts Stadtteil-Historiker von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft durch ein Stipendium ermöglicht und gefördert, wofür ich mich herzlich bedanke. Herzlich bedanken möchte ich mich auch bei allen Förderern und Unterstützern dieses Projekts.

 

Quelle: Bürger, die Geschichte schreiben (Band II - Dezember 2014)