Leben und Sterben der Brüder Bernhard und Ludwig Becker

von Götz Wörner

Seit dem Jahr 2000 wohne ich im Frankfurter Gerichtsviertel. Hier ist auch das ehemalige Frankfurter Gerichtsgefängnis, das in der nationalsozialistischen Zeit von der Gestapo als Gefängnis für politische Häftlinge missbraucht wurde.

Ludwig Becker. Foto: Paul Rötger


Ich bin 2001 zunächst auf das Schicksal von Bernhard Becker aufmerksam geworden, als ich zufällig dort auf eine Führung zur Frankfurter Geschichte traf, zu der ich mich dazustellte und zuhörte. Sein Schicksal hat mich sehr berührt, und ich habe mich fortan intensiv damit beschäftigt, noch lebende Zeitzeugen befragt, bereits vorhandenes Material im Stadtarchiv gesichtet und einen Vortrag in der Städel-Schule gehalten.

Am Gerichtsgefängnis habe ich eine Erinnerungstodesanzeige angebracht, die inzwischen von Zehntausenden von Menschen gelesen wurde. Im Rahmen einer Ausstellung des Deutschen Architekturmuseums in diesem Gefängnis habe ich eine der Zellen in Erinnerung an Bernhard Becker gestaltet. Dieses Schicksal ist seit damals für mich zu einem Lebensthema geworden.

Im Zuge dieser Arbeit wurde mir erst klar, dass es da noch einen Zwillingsbruder gab – auch Künstler –, dessen späterer Freitod vom Schicksal seines Bruders nicht zu trennen ist. Das Stipendium der Stiftung Polytechnische Gesellschaft bot mir die Gelegenheit, die ganze Geschichte noch einmal unter dem Gesichtspunkt der Tragik eines Zwillingsbrüderpaares zu untersuchen, die beiden im Bewusstsein der Frankfurter Geschichte wieder zusammenzuführen und ihnen ein letztes Denkmal zu setzen.

Die Zwillinge wurden am 7. Dezember 1914 in Frankfurt geboren. Die Mutter, Elisabeth Becker, katholisch, von Beruf Krankenpflegerin mit Wohnsitz in Conin/Argentinien, war eigens zur Entbindung zu ihren Eltern nach Frankfurt gekommen und kehrte bald danach ohne die Kinder nach Südamerika zurück. Die Kinder wurden von ihren Großeltern aufgenommen. Großvater Ludwig war Gürtler und wohnte mit seiner Frau Elisabeth von 1913 bis etwa 1923 in der Weberstraße 75, von 1927 bis 1933 in der Schwarzburgstraße 50.

Die neun Jahre alten Zwillinge wohnten später in der Querstraße 5, bei welcher Familie ist nicht bekannt. Bernhard und Ludwig waren Schüler der katholischen Domschule und anschließend der ebenfalls katholischen Spohrschule im Frankfurter Nordend.

»Ich könnte mir vorstellen, wenn diese Gruppe um Bernhard Becker noch einige Jahre beisammengeblieben wäre, unter der Leitung eines Mannes wie Bernhard Becker, so etwas hätte werden können wie die Gruppe „Weiße Rose“ um die Geschwister Scholl in München …«

Horst Stankowski

(einer der Kameraden von Bernhard Becker – später Leiter des Büros der Deutschen Presse Agentur, dpa, in Berlin)

Nach dem Volksschulabschluss 1929 absolvierten beide die Ausbildung als Dekorationsmaler mit abschließender Gesellenprüfung 1932. Im Jahr 1937 waren beide eingeschriebene Studenten an der Frankfurter Städel-Schule, beide in der Klasse für Web- und Textilkunst.

Beide waren Mitglied der katholischen Gemeinde St. Bernardus im Nordend. Bernhard Becker leitete eine katholische „Sturmschar“ und seine Gruppe befand sich im Widerspruch zur immer mehr um sich greifenden Nazi-Ideologie. Am 27. November 1937 wurden Bernhard Becker und seine jungen Kameraden in seinem Atelier von der Gestapo verhaftet und ins Gerichtsgefängnis verschleppt. Als Einziger wurde Bernhard dortbehalten und in einer Verhandlung zwar freigesprochen, jedoch umgehend von der Gestapo wieder eingesperrt. Er wurde misshandelt und gedemütigt.

Am 14. Dezember 1937 hat sich Bernhard Becker in seiner Zelle mit zehn Nägeln, die er aus dem Holzfußboden riss, das Leben genommen, denn er glaubte, damit seine Kameraden retten zu können, die in Wahrheit schon wieder in Freiheit waren. Fast 1.000 Frankfurter und Frankfurterinnen gaben ihm damals auf dem Hauptfriedhof das letzte Geleit.

Ludwig Becker arbeitete danach in schwieriger Zeit als freier Künstler, gestaltete Kirchenfenster in Frankfurt und Umgebung und zahlreiche Sgraffitos an Kirchen, öffentlichen und profanen Gebäuden. Ludwig Becker war Mitbegründer des Frankfurter „Bunds Bildender Künstler BBK“ und der „Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst“ Bonn. Er kam über den Tod seines Zwillingsbruders nicht hinweg, verfiel mehr und mehr in Depressionen und nahm sich am 28. Dezember 1971 das Leben. Immer um den sich jährenden Zeitpunkt des Todes seines Bruders war von ihm der Satz zu hören: „Mein Bruder zieht mich zu sich.“

Götz Wörner

Götz Wörner wurde 1959 im badischen Pforzheim geboren, besuchte das humanistische Johannes-Reuchlin-Gymnasium und das Fritz-Erler-Wirtschaftsgymnasium, das er 1981 mit dem Abitur abschloss. Während seiner Schulzeit in den siebziger Jahren engagierte er sich unter anderem für arme und verfolgte Menschen in Chile, nahm an der Platzbesetzung zur Verhinderung des Atomkraftwerks in Wyhlteil und engagierte sich in Okzitanien gegen den geplanten Manöverplatz der französischen Armee auf dem Hochplateau Larzac. Bis 1973 war er Mitglied des Rings Bündischer Jugend (RBJ). Im Jahr 1980 begründete er in Heidelberg die Schallplattenfirma „messidor“, die Aufnahmen zeitgenössischer lateinamerikanischer Musik produzierte, die weltweit vertrieben wurden. Seit 1988 lebt er in Frankfurt am Main. Nach einer Fehlinvestition wurde seine Firma im Jahr 1999 insolvent.

Götz Wörner wurde mittellos und war ab dem Jahr 2000 Empfänger von Hilfe zum Lebensunterhalt. Resultierend aus eigenem Erleben beschloss Wörner im Jahr 2007, sich damit zu beschäftigen, dass Menschen aufgrund ihrer finanziellen Lage von der Teilhabe am kulturellen Leben weitgehend ausgeschlossen sind. 2008 begründete Wörner den Verein Kultur für ALLE e. V., der seitdem den „kulturpass“ als Mittel zur kulturellen Teilhabe für bedürftige Frankfurter und Frankfurterinnen ausgibt (www.kulturpass.net).

 

Quelle: Bürger, die Geschichte schreiben (Band II - Dezember 2014)